Die Welt da draußen, Jost-Alexander Binder

Die Welt da draußen

Zur Natur eines Labradors gehört, neben einem gesegneten Appetit, die Freude am Wasser. Der „Sprung ins kalte Wasser“, den man auch uns Menschen in manchen Situationen zumutet, fällt dem Vierbeiner also vielleicht leichter. So begab es sich, dass einmal ein Bekannter seinen wenige Monate alten Welpen an einem Seeufer auf Schwimmtüchtigkeit testete. Der ohne Vorwarnung einfach ins Wasser geworfene Labrador paddelte mit empörtem Blick ans Ufer, schüttelte sich wie ein begossener… Pudel(?) und äußerte seine tiefe Missbilligung mittels stillem Protest. Wer diese Hunde kennt, weiß, wie das aussieht: 

Jost-Alexander Binder

Zur Natur eines Labradors gehört, neben einem gesegneten Appetit, die Freude am Wasser. Der „Sprung ins kalte Wasser“, den man auch uns Menschen in manchen Situationen zumutet, fällt dem Vierbeiner also vielleicht leichter. So begab es sich, dass einmal ein Bekannter seinen wenige Monate alten Welpen an einem Seeufer auf Schwimmtüchtigkeit testete. Der ohne Vorwarnung einfach ins Wasser geworfene Labrador paddelte mit empörtem Blick ans Ufer, schüttelte sich wie ein begossener… Pudel(?) und äußerte seine tiefe Missbilligung mittels stillem Protest. Wer diese Hunde kennt, weiß, wie das aussieht: Augenlider auf halb, beleidigte Lefzen, Rute eingerollt und strikte Vermeidung jeglichen Augenkontakts. Jedenfalls für den Rest des Tages… oder zumindest bis zum nächsten Leckerli. Schwimmen, plantschen und abenteuerliche Sprünge ins Wasser blieben trotzdem mit die liebsten Freizeitbeschäftigungen dieses bewegten Labradorlebens.   

Da ist jene Spezies, die der Hund seit Jahrtausenden treu begleitet, der Mensch, schon auch mal länger nachtragend. Wobei die Dauer der Schmollphase natürlich auf das Vergehen ankommt, die Umstände, den Charakter etc. Ins Element Wasser geworfen zu werden, gehört eher selten zu den kapitalen Übergriffen. Erfolgt dies jedoch im sprichwörtlichen Sinn, kann das schon durchaus traumatische und damit nachhaltig beeinträchtigende Nebenwirkungen entfalten. Wiewohl es auch Situationen geben mag, wo es diesen kleinen Schubser erlaubt, oder sogar braucht. Allerdings ist hier Vorsicht geboten: Wer das falsch einschätzt, den falschen Zeitpunkt oder den falschen Ton erwischt, um jemanden mittels eines „Schubsers ins kalte Wasser“ an einer ungewohnten Situation oder Herausforderung „wachsen zu lassen“, kann das genaue Gegenteil bewirken. „Aufstehen, Krone richten und weitergehen“, ist nicht für alle Prinz(essin)en die passende Coping-Strategie.

Aber… die Zukunft!

Aber sie müssen doch irgendwann „schwimmen lernen!“ Und gemeint ist: sich durchsetzen können, in einer Welt, die hart und rücksichtslos ist. Manche nennen es auch „auf eigenen Füßen stehen.“ Als ob es damit getan wäre. Schließlich ist da noch dieser Ernst. „Irgendwann müssen sie ja den Ernst des Lebens kennenlernen!“, denn: „Nur die Harten kommen durch!“, wird immer wieder vernommen. Aber… wie wird man denn „hart“ genug? Möglichst früh mit MMA beginnen? Military Calisthenics? Iron-Man-Challenge?… Bosheit und Kabale perfektionieren? Wann bin ich ungenießbar genug für das „Haifischbecken, da draußen“, von dem auch immer wieder die Rede ist? Und wer ist überhaupt dieser Ernst, den man angeblich kennenlernen muss? Auf welcher Dating-Plattform trifft man den? 

Die Adressaten, um deren Entzauberung der Welt es hier geht, sind, na klar, die Kinder. Unsere Kinder. Und das bedeutet: unsere Zukunft. Nun, es soll Menschen geben, die mit „Zukunft“ einfach nur den Rest ihres eigenen physischen Daseins meinen und sich folglich relativ leicht damit tun, die Verantwortung für die Zukunft an all jene zu übertragen, die womöglich länger leben oder überhaupt erst noch geboren werden. Es ist aber wohl so, dass die allermeisten Menschen beim Wort „Zukunft“ einen nicht näher definierten Zeitraum im Blick haben, der jedenfalls das Leben der eigenen Nachkommen und wahrscheinlich auch weit darüber hinaus lebende Generationen miteinschließt; Menschen, die Zukunft als einen Wert verstehen, für dessen künftige Qualität es schon heute lohnt sich einzusetzen – unabhängig davon, ob diese Zukunft noch erlebt wird. Das ist ein kultur- und generationenübergreifendes Prinzip. Jede Generation, egal wo, hat immer von jenem sorgsam auf die jeweils Nachgeborenen übertragenen, immateriellen Schatz eines lebenswerten Daseins profitiert. Zugegeben: mal mehr, mal weniger. Aber allem Anschein nach hat die Anzahl und das Wirken derer, die sich ihrer Verantwortung für die Zukunft bewusst waren, immer gereicht, um der Rücksichtslosigkeit anderer rechtzeitig Grenzen zu setzen. Indes mehren sich besorgte Stimmen, wonach sich das soeben postulierte Verhältnis längst zu Ungunsten des Planeten verschoben habe. Die vielerorts hemmungslose Ausbeutung und Verwüstung der Natur – und das schließt den Umgang der Menschen untereinander mit ein – lässt wenig Raum für Gegenargumente. Eine durch und durch verworrene politische Agenda verschärft das Chaos nur noch. Einerseits wird Nachhaltigkeit gepredigt und Verantwortung eingemahnt, primär vom Konsumenten, denn was nicht gekauft wird, wird angeblich auch nicht produziert – Temu, Tedi, Kik, Primark u.v.a.(!) lassen grüßen. Abfallvermeidung, Energieeffizienz oder Emissionsreduktion obliegt demnach vordringlich konsumseitiger Disziplin. Natürlich gibt es auch produktionsseitig hammerharte Auflagen: z.B. die EU-Verordnung zu verbundenen Plastikflaschenverschlüssen. Man fördert E-Mobilität, verteuert aber den wirklich emissionsärmeren öffentlichen Verkehr… und investiert stattdessen (auch) europaweit kräftig in Rüstungsgüter, deren zweckgemäße Verwendung – nebenbei bemerkt – keinerlei volkswirtschaftliche Rentabilitäts- oder Nachhaltigkeitsaspekte aufweist. Es gibt ja einen Grund, warum Panzer auch Tanks genannt werden. Vom CO2-Beitrag unzähliger ständig irgendwo kreuzender Tanker-, Marine- und Frachterflotten und einer vorläufig wahrscheinlich für viele Jahre ausgelasteten Dauermassenproduktion von Drohnen, Raketen und Munition aller Art mal ganz abgesehen. Leicht wird es den Trägern der Verantwortung da draußen also nicht gemacht. Schwer machen es ihnen jene, die sich selbst fürstlich dafür entlohnen Verantwortung zu tragen, sie aber in Wahrheit laufend abstreifen, abgeben und anderen zuweisen. So, wie es der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen einmal pointiert formuliert hat: „Es ist sehr schwer, nach Feierabend ehrenamtlich die Welt zu retten, wenn andere sie hauptberuflich zerstören.“ Aber was hat diese soeben gar nicht mal so schön geschilderte „Welt da draußen“ mit Geborgenheit zu tun?

Draußen kann auch drinnen sein. 

Geborgenheit hat nicht notwendigerweise, aber doch in sehr vielen Fällen, mit einem Ort zu tun. Ein Umfeld, in dem man sich eben nicht nur wohl, sondern geborgen fühlt. Der erste Ort dieser Art ist sicherlich der Mutterleib. Geborgenheit hat also auch mit Geborenheit zu tun. Und damit, sich erstmal in einem gewaltigen Kraftakt von einer nur allzu vertrauten und schützenden Umgebung, eben aus jener einzigartigen Geborgenheit, zu lösen und dabei zu allem Überfluss auch noch abrupt auf Lungenatmung umzuschalten. Das schaffen wir umgekehrt später nie mehr. Was bleibt, ist jene natürliche Sehnsucht nach Geborgenheit, die wir später in ganz unterschiedlicher Weise anstreben und erleben, aber nicht immer in der gewünschten Form erreichen. Dabei kann es auch zu Missverständnissen kommen. Zum Beispiel fühlt sich die sogenannte persönliche Komfortzone gerne mal wie Geborgenheit an. Vielleicht ist sie das stellenweise auch – solange diese „Komfortzone“ nicht zur Bequemlichkeit verkommt. Die Couch ist bequem, aber sie macht dich immobil: zuerst deine Beine, dann dein Gehirn. So wie es viele Bequemlichkeiten tun, die uns mit ihrem Genuss ködern; und womöglich ein sehr unattraktives Bild eines Draußen in uns selbst entstehen lassen, garniert mit Ängsten, Vorurteilen, Trugbildern, um uns von den alleinigen Vorzügen eines vermeintlich sicheren Inneren zu überzeugen. Solchen Versuchungen zu widerstehen mag unbequem sein, gibt aber Sinn. Die persönliche Komfortzone zu verlassen bedeutet, sich aufzuraffen, loszulegen, den Hintern hochzukriegen. Auf Geborgenheit zu verzichten ist dazu gar nicht notwendig. Im Gegenteil, denn Geborgenheit gibt Sicherheit. Und eben jene Sicherheit erlaubt es nicht nur, sondern ermuntert vielleicht sogar dazu, die Komfortzone zu verlassen, um Neues zu schaffen, Unsicherheit vorübergehend auszuhalten und sich Unbekanntem zu stellen. Das alles ermöglicht Bequemlichkeit gerade nicht; eher verhindert sie es. 

Gleichwürdigkeit. 

Geborgenheit bedeutet außerdem, Verantwortung zu spüren. Und zwar die eigene Verantwortung, die man übertragen bekommen und übernommen hat; und die Verantwortung, die andere, eben spürbar(!), tragen. Letzteres kann beeindrucken, anregen, Mut machen. Jedoch: Verantwortung vermehrt sich nicht automatisch dadurch, dass man sie unüberlegt jemandem verleiht, der sie nicht haben will, sich davor drückt oder sich damit überfordert fühlt. Der Begriff der Gleichwürdigkeit, den Jesper Juul immer wieder im Kontext des natürlichen Machtgefälles zwischen Eltern und ihren Kindern hervorhebt, betrifft jede hierarchische Beziehung, egal in welchem Zusammenhang. Und es steckt eine enorme positive Sprengkraft in diesem Begriff: Denn wer Gleichwürdigkeit herstellen kann, schafft ein Umfeld, in dem man sich geborgen fühlen kann. Und damit die Voraussetzung für ein Milieu, in dem sich die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, fast zwangsläufig entwickelt.  Dieser „Mechanismus“ sollte uns vor allem in jenen Situationen bewusst werden, in denen wir ohnehin laut und deutlich an unsere Vorbildfunktion als Verantwortungsträger erinnert werden. Das könnte zum Beispiel ein Wahltag sein; aber auch jeder andere Tag, an dem uns das politische System, in dem wir uns gerade befinden, allzu suspekt oder zumindest dringend reparaturbedürftig erscheint. Es könnte aber auch jede Situation sein, in der Kinder oder Jugendliche mit Provokationen unsere Toleranz austesten, oder schlicht bestimmte Grenzen ausloten. Denn, dass da Grenzen sind, wissen alle. Sogar der „Ponyhof“ hat einen Zaun. Die sinnvollen Grenzen sind aber keine Gitterstäbe, sondern Halteseile bzw. Anhaltspunkte. Dort kann man anhalten oder sich anhalten. Die Crux ist, dass, wenn sinnvolle Grenzen zu lange nicht gewahrt werden, die Gefahr besteht, dass aus den oft unsichtbaren, aber zu oft überschrittenen sinnvollen Grenzen, unsinnige werden können: jene mit Stacheldraht, Schlagbäumen und Schlimmerem. Vielleicht ist es dieser instinktive Wunsch, ein sicheres Gefühl dafür zu bekommen, welche Grenzen es zu wahren gilt und welche man bewusst übertreten sollte, der junge Menschen immer schon veranlasst hat, ihre Vorgänger-Generationen zu provozieren; und heute sind wir es eben, die wir uns fragen (lassen) müssen, mit welchen, womöglich allzu fragwürdigen Gegebenheiten wir uns – resigniert oder bequem – abgefunden haben. Es geht um echte Geborgenheit, nicht gefakte. Die Rufe danach nicht zu ignorieren, das ist Verantwortung. 

Ob es nun Menschen oder Orte oder sogar nur bestimmte Stimmungen sind, die ein Gefühl der Geborgenheit auslösen – sie bieten eine gewisse Genährtheit, eine seltsam wohltuende Vertrautheit: Selbstvertrautheit. Eine Garantie für Resilienz gegenüber jeglichem Unbill des Lebens bietet freilich auch das nicht. Aber sie kann helfen, mit jenem Ernst fertigzuwerden, der jeden Moment, ganz unangekündigt, um die Ecke kommen kann und einen ins kalte Wasser schmeißt, mit oder ohne Haie drin, jedenfalls aber Ungemütlichkeit ankündigt. Das spräche an sich für einen präventiven Ansatz: Vielleicht wäre das Haifischbecken ja viel weniger raubfischfreundlich, ja sogar weniger ernst, und Neuzugänge gar nicht so schutzbedürftig, wenn man es mit der Geborgenheit von Anfang an etwas genauer nehmen würde.

Berührt, nicht geschüttelt!

Der erfahrene Spezialist für bindungsbasierte Körperpsychotherapie, speziell für frühe Eltern-Kind-Beziehungen, Thomas Harms, hat sich u.a. auf die Begleitung von Eltern mit Schreibabys spezialisiert, die – wenn keine Linderung eintritt – meist eine Traumatisierung der gesamten Familie bewirken können. Unstillbares Babygeschrei, dem man hilflos gegenübersteht, einfach, weil man die Ursache nicht ergründen kann, hält kein Nervenkostüm lange aus. In seinem Buch „Emotionelle Erste Hilfe“ spielt der Begriff der Geborgenheit, meist in Kombination mit Sicherheit oder Schutz, daher eine Schlüsselrolle. Harms hat für Betroffene eigens eine mehrstufige Methode entwickelt und beobachtet, dass Geborgenheit vor allem dann tatsächlichen Erfolg zeitigt, wenn eine unmittelbar spürbare Entlastung der oft unbewusst schon lange (vor der Geburt) unter enormer Spannung stehenden Mütter eintritt. Das erfolgt oft in jener Phase, in der Geborgenheit sichtbar und als Stille hörbar wird.  Harms betont ausdrücklich die Wichtigkeit der Vermeidung jeglicher verbalen Intervention, wenn Mutter und Baby sich endlich entspannen und gerade beginnen, sich wieder aufeinander einzuschwingen. Es ist wichtig zu spüren, an welchen Stellen Kommentare oder Analysen gebraucht werden oder notwendig sind; und ebenso, wann sie unnötig oder womöglich schädlich sind. In allen Beziehungen. Thomas Harms stellte seinem o.g. Buch ein Zitat von Goethe voran: „Was ist das Schwerste von allem? Was dir am leichtesten dünket: Mit den Augen zu sehen, was dir vor den Augen liegt.“ Man könnte sagen, es ist eine etwas poetischere Formulierung für das bekanntere „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“. Oder „Warum einfach, wenn´s auch kompliziert geht.“ 

Warum nicht einfach einfach?

Geborgenheit wird nicht im Überschwang vermittelt. Geborgenheit hält sich dezent im Hintergrund. Manchmal ist das Bedürfnis nach Geborgenheit daher nicht gleich erkennbar.  Es tarnt sich nicht selten als Unsicherheit, Arroganz oder sogar Brutalität. Geborgenheit zu erzeugen ist dagegen vergleichsweise einfach – vorausgesetzt man ist authentisch. Wer in Geborgenheit und damit mit gestärktem Rückgrat, der Sicherheit der eigenen Selbstbestimmtheit, dem Wissen um ein verlässliches Umfeld aufwächst, es also erlebt und selbst an andere weitergibt, macht die „Welt da draußen“ ganz einfach lebenswerter. Für sich selbst und alle anderen – und das wirkt auch nach innen. Geschäftsmodell ist es keines. 

Es soll ja Dinge von immensem Wert geben, an denen man nicht materiell reich werden kann. Geborgenheit ist so ein Wert. Echte Geborgenheit, eben jene, nach der man sich sehnt, wenn man sich geborgen fühlen will, kann man nicht konsumieren. Einen Markt dafür braucht es auch nicht, im Gegenteil. Bestimmte Werte gilt es konsequent vor etwaiger Vermarktung und damit auch vor Verramschung zu bewahren. 

Wenn wir (wieder) zu uns selbst finden wollen, brauchen wir die Errungenschaften einer modernen und hochtechnisierten, damit aber auch unübersichtlich und unkontrollierbar gewordenen Welt nicht verwerfen. Es wird aber klug sein, unsere über Jahrtausende entwickelten Fähigkeiten, uns und unsere Lebensräume zu behüten wie einen Schatz zu wahren und als Privileg menschlichen Seins weiterhin zu kultivieren; und das bedeutet nicht, sie Maschinen beizubringen, sondern sie an allem Lebenden, also auch an uns selbst, zu üben.