Im Kärntner Bergdorf, in welches mein Vater hineingeboren wurde, war „berufliche Zukunft“ ein ziemlich vager Begriff und so versuchte er in jungen Jahren sein Glück in der Vorarlberger Textilindustrie, die nach dem Krieg zu wirtschaftlichen Höhenflügen abhob.
Rainer Wisiak
Was zeitlebens blieb, war eine starke Verbundenheit mit den Orten seiner Herkunft, was sich für uns Kinder – meinen Bruder und mich – in jährlichen Sommerurlauben in Kärnten manifestierte.
So wurden die Kärntner Seen und die sie umgebenden Berge Teil meiner Kindheit. Berge, Täler, Menschen. Allen voran: mein Großvater. Wir schienen miteinander verbunden, von Anfang an – anders, als ich mit anderen Menschen verbunden war. Diese Verbundenheit heute zu beschreiben, fällt mir schwer, es war mehr ein großes Gefühl, das alles umschloss, mich, meine Ansprüche, Träumereien und Ängste. Und vielleicht ist das passendste Wort dafür: Geborgenheit.
Eine Geborgenheit der Gesten, denn rückblickend erscheint mir mein Großvater kein großer Redner gewesen zu sein. Er war ein einfacher Mann, bescheiden, zurückhaltend, freundlich. Ich kann mich nicht erinnern, von ihm ein böses Wort vernommen zu haben. Seine Augen sprachen Zuversicht, Wärme, Verständnis. Von Beruf war er Schneider – wohl einer der letzten seines Standes. Oft brachte er noch Arbeit mit nach Hause. Ich sehe sie vor mir – diese für Kinderhände riesigen Scheren, deren scharfe Schnitte ich mit meinen Augen verfolgte. Wie Labyrinthe erschienen mir seine mit Kreide vorgezeichneten Schnitte auf den Stoffen. Auf den Resten davon durfte ich Linien zeichnen und mit einer Schere für Zwerge die Stoffe zerteilen. Es fiel kaum ein Wort, aber es gab ein großes Einverständnis, das über allem lag.
Schwammerln suchen im Wald. „Schwarzbeeren“ (Heidelbeeren) sowieso. Ein in meiner kindlichen Hektik umgestoßener, mit Beeren fast voller Eimer. Neben mir mein Großvater, der sie sorgsam mit mir einsammelt. Kein Vorwurf – nur eine Geschichte darüber, wie dankbar wohl die Ameisen sind, wenn wir nicht alle finden. Eines Tages ging er beim Schwammerlsuchen verloren, verirrte sich im Wald und kam erst mitten in der Nacht heim. Meine Angst um ihn war unbeschreiblich. Fester klammerte ich mich an seine Hand bei den nächsten Spaziergängen.
Die Wärme seiner Hand. Wie das Wasser des Wörthersees im August. Dort schwammen wir, mir scheint, dort habe ich schwimmen gelernt. Dort im Klagenfurter Strandbad besaß er eine dieser unzähligen über die Wiese hinweg verstreuten Kabinen – mir erschien es nicht ungewöhnlich, dass mein Großvater ein spezieller Badegast war, der „Privilegien“ genoss. Ich hätte ihm auch ein Schloss am Wörthersee geschenkt, doch wahrscheinlich hätte er abgewunken, denn sein Garten ging ihm über alles.
Dort half ich mit kleinen Händen mit – Beeren oder Bohnen erntend. Stangenbohnen, die man nur mit Hilfe einer Leiter erreichen konnte, sie schienen in den Himmel zu wachsen. Seine Vorliebe für Kakteen, die in ihrem stacheligen Wesen so gar nicht zu ihm zu passen schienen.
Wenige Tage vor meinem ersten Schultag dann ein Paket aus Kärnten – darinnen: eine von ihm geschneiderte Hose wie Jacke für diesen besonderen Tag. Noch immer besitze ich – damit stolz in unserem damaligen Garten stehend – ein Foto davon. Jahre und Ereignisse davor oder danach verschwimmen oft, wollen sich nicht chronologisch ordnen. Fotos gibt es kaum – wenige von meinem Großvater, keines von uns beiden gemeinsam. Manche trägt man im Herzen. Ein Spezielles: Ich, achtzehn Jahre jung und stolzer Motorradbesitzer. Eine lange Fahrt von Vorarlberg nach Kärnten, um meinen Großvater zu überraschen. Verwegen steigt er auf und wir umrunden Seen, fahren durch Orte meiner Kindheit. Wie mich bedanken, für alles, was war?
Bei einer Gärtnerei bleiben wir stehen. Er soll sich eine Pflanze wünschen – weil ich vielleicht so zu einem Teil seines geliebten Gartens würde? Wir müssen jedenfalls ein wunderbares Bild abgegeben haben: Ich, mit wehenden Haaren vorne auf dem Motorrad, mein Großvater mit einem riesigen, in leuchtendem Gelb und Lila blühenden Hibiskus unterm Arm hinten sitzend.
Es war unser letzter gemeinsamer Sommer. Im darauffolgenden Winter ging er in eine andere Welt.
Wann wird man erwachsen? Ich habe danach studiert. Geschichte. Und vor mir tat sich ein anderes Bild von Kärnten auf als jenes, das ich aus Kindertagen kannte. Es war eine Geschichte von Teilung, von Ausgrenzung, von Partisanen. Ich erfuhr von den Wirren des Krieges und dem Ringen ums Leben in diesem. Von Todesmärschen, vom Urgroßvater, der aus dem Konzentrationslager nicht heimkehrte. Ich erfuhr, dass mein Vater seinen richtigen Vater nie kennengelernt hatte – mein Großvater somit nie mein leiblicher Großvater war.
Aber was mich erst verwirrt zurückgelassen hatte, empfand ich Jahre später als Geschenk: Mein Großvater lehrte mich, dass es keiner Blutsbande bedarf, um Geborgenheit zu geben. Dies scheint mir sein Vermächtnis zu sein. Wir können uns Großeltern, Schwestern oder Brüder sein – von Mensch zu Mensch, über Generationen und auch über Grenzen hinweg. Es ist letztlich das, was uns zu Menschen macht wie auch ausmacht.
Die Geschichte „Großvater“ ist dem Buch „Das Land der Kindheit“ entnommen.
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