Konzentrische Kreise, Weltbilder, freigeist, Frühjahr 2026

Konzentrische Kreise

„Wir verehren die Jugend und führen uns auf wie Kinder“, so die Beobachtungen des US-Kulturphilosophen Robert Harrison, der 60-jährige auf Skateboards und Mittzwanziger mit Baseballcaps als CEOs Milliardenkonzerne lenken sieht.

Jost-Alexander Binder

Die meisten Mittzwanziger, die ich kenne, sitzen bei mir im Hörsaal und tragen selten Baseballcaps, und die KollegInnen und Bekannten meiner Altersgruppe nehmen meist den Lift, Skateboards sind unüblich. Dass diese, zugegeben sehr amerikanische, Manifestation eines Verjüngungsbooms auch im Weltbild anderer Kulturen zumindest bekannt sein dürfte, ist dennoch anzunehmen. Außer man hat kein Mobiltelefon. Aber beim Weltbild geht es ja nicht nur um das, wovon wir wissen, sondern auch darum, was wir glauben wollen. Vielleicht auch darum, was wir wünschen dürfen.

Horizonte. 

Das Weltbild des Embryos ist wahrscheinlich seine Gebärmutter. Doch schon unmittelbar nach Verlassen der Geborgenheit dieser heilen Welt, müssen wir erste Korrekturen vornehmen: Plötzlich können wir nicht mehr „unter Wasser“ atmen, müssen bei der Nahrungsaufnahme selbst mitwirken und sollen überall schnell dazulernen. Wobei es für die weitere Ausbildung des Weltbilds spätestens jetzt nicht ganz unerheblich sein dürfte, ob man in einem unerschlossenen Teil des oberen Amazonas Embryo war, in Tibet, oder in Tokio. Je weiter wir unseren Wirkungskreis robbend, krabbelnd, dann aufrecht gehend, reitend, fahrend, fliegend, funkend erweitern, desto mehr füllt sich unser Weltbild von innen mit Erfahrungen, Beobachtungen, Interpretationen etc. Später kommt noch jagend und sammelnd bzw. paukend und wischend dazu. Am Rand entstehen Horizonte: zeitliche (z.B. „bis zum Tod“ oder: „bis zur Pension“…), räumliche (z.B. „bis zur Flussbiegung“ oder: „bis zum Kap Finisterre“…), höchstpersönliche (z.B. „bis hier her und nicht weiter“ oder: „bis zur Schmerzgrenze“…) und mindestens ein geistiger. Letzterer ist vielleicht am wenigsten deutlich erkennbar, aber das ist keineswegs (nur) ironisch gemeint. Tatsächlich benötigt der geistige Horizont wahrscheinlich am meisten „Wartung“, unterliegt er doch dem stärksten Veränderungsdruck – dem nachzugeben oder zu widerstehen uns höchste Aufmerksamkeit abringt. Denn einmal die Ufer der sicheren Kindheit verlassend, lauern Untiefen, Strudel, Irrlichter und Elmsfeuer. Es locken Rattenfänger, Regenten und Religionen und in all dem Krängen zwischen Flut und Flaute nimmt unser Weltbild schließlich Kontur an. Was den erwähnten Kulturphilosophen dabei beschäftigt: dass heute immer mehr Menschen das Älterwerden fürchten oder versuchen, es zu vermeiden. „Was passiert ist, ist eine der tiefgreifendsten kulturellen Revolutionen der jüngeren Vergangenheit. Soweit wir in der Geschichte zurückblicken können, waren Erwachsene immer die Vorbilder, woran sich Kinder orientieren konnten. Heute hat sich das umgekehrt. Erwachsene orientieren sich an der Jugend. Das macht die älteren Menschen infantiler und beeinträchtigt jene psychologische, kulturelle und historische Reife, die Erwachsene benötigen, um für die Jüngere da zu sein. Als Vorbilder, als Ratgeber, als diejenigen, die Verantwortung übernehmen. […] Früher konnte man noch davon ausgehen, dass sich die eigene Jugend – zumindest in groben Zügen – bei den eigenen Kindern wiederholt. Man wusste, was sie erwartet, man konnte Ratschläge geben.“ Heute sind die Welten so verschieden, dass es den meisten Erwachsenen kaum möglich ist, sich in die Lebensrealitäten der Jüngeren hineinzuversetzen, weil sie selbst eben nie unter diesen Bedingungen aufgewachsen sind. Die Folge: „Traditionelle Autoritätsverhältnisse zwischen Eltern und Kindern lösen sich auf. An ihre Stelle tritt ein Miteinander auf Augenhöhe […] Das alles widerspricht dem, was man früher Generationenkonflikt nannte. Aber menschliche Gesellschaften können auf Dauer nicht ohne diese Autoritätsstrukturen bestehen, die es uns überhaupt erst ermöglicht haben, so lange „jung“ zu sein. Jugend ist ein enormer Luxus.“ Klingt alles sehr plausibel und verdächtig nach mehr als einer nur sporadischen Nachjustierung, die wir unseren Weltbildern da werden abverlangen müssen. Mich schreckt das aber nicht, denn ich habe mit solchen Weltbild-Korrekturen ausreichend Erfahrung, bezeichnenderweise schon seit meiner Kindheit… 

Das Weltbild der Entdecker,

oder: Kollision mit Globus. Mein erster Globus war etwa so groß wie ein Handball, hatte einen orangen Standfuß und war aus Blech. Ich bekam ihn mit ca. 5 Jahren, die Karte war politisch, es waren also die Staaten der Erde abgebildet und ich weiß noch: Die USA waren rosa, die Sowjetunion hellgrün und Österreich kaum zu erkennen. Die Kleinheit Österreichs war damals eine irritierende Erkenntnis, die wirklich dramatische Korrektur meines damaligen Weltbildes bewirkte aber etwas anderes – wenn auch zunächst nur geographisch. Man könnte sagen, ungefilterter Medienzugang wurde mir als Fünfjährigem schon damals zum Verhängnis. Das „Gute“ war, es gab fast keine (Medien). Fernseher hatten wir lange keinen (funktionierenden), aber wir hörten viel Radio, mangels Alternativen also: ORF; und da wurde in den Nachrichten der späteren 70er Jahre nunmal viel über die Auf- bzw. Abrüstung zwischen Ost und West gesprochen. Ich konnte damit wenig anfangen, aber ich bekam es mit, so wie Kinder eben alles Mögliche mitschneiden, was Erwachsene oder Medien so von sich geben. Mindestens so alltäglich wie der „Kalte Krieg“ waren die Berichte und Debatten über die ständigen politischen und militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel, den Palästinensern und im Libanon. Aufgrund dieser Berichterstattung hatte sich in meinem kindlichen Kopf mangels geographischer Kenntnisse ein „Weltbild“ ergeben, das nun mit dem Impakt des Blechglobus frontal kollidierte: Einerseits war ich total überwältigt von der immensen Größe der Sowjetunion (die ich mir viel kleiner, eher so wie den Libanon, vorstellte). Damit nicht genug war ich geradezu konsterniert ob der Winzigkeit Israels, das auf einem Globus dieser Größe kaum erkennbar am Rand des östlichen Mittelmeers klebte. Israel und auch den Libanon hatte ich mir, basierend auf ihrer Omnipräsenz in den damaligen Radionachrichten, viel größer vorgestellt, eher so wie die Sowjetunion. So kann man sich täuschen. 

Das Weltbild des Kindes ist das einer Entdeckerin. Es ist (zwangsläufig und unbewusst) dominiert von Neugierde und Wissensdurst. Es besteht aus Fragen und immer wieder Fragen. Und Antworten, die wieder Fragen aufwerfen. Während wir fragen, sind wir Reisende. Doch nicht immer ist das Ziel unserer Reise ein physischer Ort. Manchmal begeben wir uns auf die Reise in eine ungewisse Gedankenwelt, manchmal auf die Reise in unser innerstes Ich, wobei speziell diese Route nicht selten im dichten Nebel verläuft. Aber auch wenn wir ganz „regulär“ eine mehr oder weniger ferne Fremde ansteuern: Reisen bildet. Da ist was dran. Vorausgesetzt wir vergessen dabei nicht, dass wir losgezogen sind, weil wir etwas entdecken wollten! Und damit war nicht der beste Platz am Pool gemeint. Auch das Reisen, betrieben als inhaltsleerer Country-Count, wird unser Weltbild kaum nennenswert bereichern. Reisen aber, von Entdeckergeist getragen und von echtem kulturellem Interesse geprägt, bildet, soviel ist sicher. Inwieweit es „weltbildet“, hängt wahrscheinlich von der Rezeptur ab, die wir unserem Weltbild zusetzen. Bildung ist dabei zweifellos eine wichtige Zutat, vielleicht die bedeutendste, aber sicher nicht die einzige. Manche Weltbilder schöpfen ihre visionäre Kraft offensichtlich aus Quellen, die nicht unbedingt einer chronisch vergänglichen Bildungslandschaft entspringen. Anders wäre es kaum zu erklären, wie es vor über hundert Jahren gelungen ist, das Mobiltelefon zu beschreiben. Zeit für eine Zeitreise.

Die Welt in 100 Jahren vor 100 Jahren.

1910 landete Arthur Brehmer einen Bestseller. Dies gelang ihm, indem er einige prominente ExpertInnen seiner Zeit einlud, sich ein Bild von der „Welt in 100 Jahren“ zu machen und diese Vision zu verschriftlichen – was wären Weltbilder ohne Zukunftsvisionen! Einer der Autoren war der technologieaffine Journalist und Schriftsteller Robert Sloss. Der Titel seines Beitrags: „Das drahtlose Jahrhundert“, darin ein Kapitel über das „Telephon in der Westentasche“ und dort liest man: „Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem ‚Empfänger‘ herumgehen. […] Einerlei, wo er auch sein wird, er wird bloß den ‚Stimm-Zeiger‘ auf die betreffende Nummer einzustellen brauchen, die er zu sprechen wünscht, und der Gerufene wird sofort seinen Hörer vibrieren (spüren) oder das Signal geben können, wobei es in seinem Belieben stehen wird, ob er hören oder die Verbindung abbrechen will. […]Wenn aber dieser Apparat erst so vervollkommnet sein wird, dass auch der gewöhnliche Sterbliche sich seiner wird bedienen können, dann werden die Lebensgewohnheiten dadurch noch mehr beeinflusst werden, als sie dies schon jetzt durch die Einführung unseres gewöhnlichen Telephones geworden sind.“ Und das sei, so der Autor, im Übrigen bald der Fall, ja es handle sich bei seinen Ausführungen nämlich um „Tatsachen, die nur darauf warten, in unser praktisches Leben (jenes des Jahres 1910!, Anm.) eingeführt zu werden.“ Auch vom Senden von Bildern und Photographien ist die Rede. Denn der Apparat, der das alles vermag, sei bereits vorgestellt worden: in New York, im Dezember 1909, so der Verfasser. Das hat dann ja wohl doch noch ein wenig vor sich hin geköchelt. Vielleicht gut so. Im technischen Fortschritt, eigentlich Fortrasen, sieht der andere Robert, der Harrison, nämlich einen der Gründe für den Verjüngungswahn. Hier versucht eine Generation, über den Umweg der kopierten Generationenzugehörigkeit irgendwie ein Verständnis für das technologische Gewusel zu erlangen. Wenn so etwas wie das i-Phone erfunden wird, verändert das die ganze Welt. Genauso wie Social Media oder andere Internet-Technologien. Da können schon fünf Jahre einen Unterschied zwischen Generationen ausmachen.“

Eine vergleichbare Realitätsnähe weisen die anderen Prophezeihungen innerhalb des genannten Sammelwerkes übrigens nicht auf. Zu sehr wirken die Zukunftsentwürfe der meisten anderen Autoren irgendwie etwas zu „expressionistisch“. Außer, man wagt es, zu träumen. So, wie es in jenem anderen Beitrag in Brehmers Anthologie zum Ausdruck kommt, in der eine friedliche Welt zur Realität wurde: „[…] Wir schreiben 2009 – sind also noch dem mittelalterlichen Barbarentum bedenklich nahe. Die Menschheit ist […] noch immer in ihrer Kindheit; jedenfalls hat sie noch mehr von der Tierähnlichkeit, die ihrem Ursprung entspricht, als von der Gottähnlichkeit, die ihr Ziel ist. […] Immerhin, gegen unsere Vorfahren, die vor hundert Jahren lebten, sind wir glücklich zu preisen. Vor allem haben wir, was sie gar nicht kannten, wofür sie nur einen Namen, aber niemals das Wesen hatten – wir haben den Frieden. […] Auf welchen Grundlagen ruht unser Friedensregime? Einmal auf der einfachen Unmöglichkeit, Kriege zu führen. Wir sind im Besitze von so gewaltigen Vernichtungskräften, dass jeder von zwei Gegnern geführte Kampf nur Doppelselbstmord wäre. Wenn man mit einem Druck auf einen Knopf, auf jede beliebige Distanz hin, jede beliebige Menschen- und Häusermasse pulverisieren kann, so weiß ich nicht, nach welchen taktischen und strategischen Regeln man mit solchen Mitteln noch ein Völkerduell austragen könnte.“ Es ist dies ein Auszug aus der Rede mit dem Titel „Die moderne Friedensherrschaft und ihre historische Entwicklung“, gehalten von einem fiktiven brasilianischen Professor, so erzählt es die Autorin. Und schafft damit in gewisser Weise eine Art global-gesellschaftliches Pendant zu Sloss` technologischen „Ankündigungen“ – denn 2009 war die weltpolitische Lage dem oben geschilderten Szenario… sagen wir mal: näher als heute. Der Name der Autorin: Bertha von Suttner, Friedensaktivistin und erste Friedensnobelpreisträgerin (1905). Ihr bekanntestes Werk „Die Waffen nieder“ erschien 1889, dem Geburtsjahr von Adolf Hitler. Eine Woche nach ihrem Tod im Juni 1914 fielen die Schüsse in Sarajewo. So weit, so skurril. 

Und dann kam er, dieser „erste große Krieg“, der Bertha von Suttner zum Glück erspart geblieben ist. Einen anderen Pazifisten und Philosophen hat er dagegen nachhaltig geprägt: Als Bertrand Russell 1922 seine Rede mit dem Titel „Free Thought and Official Propaganda“ verfasst, lautet seine Diagnose der herrschenden Umstände wie folgt: „[…] es ist nicht erwünscht, dass der normale Bürger selbstständig denkt, weil man der Auffassung ist, dass Leute, die selbstständig denken, schwer handzuhaben sind. Nur die Eliten sollen denken, der Rest soll gehorchen oder den Führern folgen wie eine Hammelherde. Diese Doktrin hat, auch in Demokratien, alle staatlichen Erziehungssysteme von Grund auf verdorben. […] Vieles von dem, was gelehrt wird, ist bekanntermaßen falsch und jene, die es verbreiten, wissen das. […] Das ist nur eine von unzähligen Methoden, wie Bildung darauf ausgerichtet ist, nicht etwa wahres Wissen zu vermitteln, sondern die Menschen ihren Herrschern gefügig zu machen. Ohne ein ausgeklügeltes System der Täuschung […] wäre es nicht möglich die Illusion einer Demokratie aufrecht zu erhalten.” Kein Weltbild, eher eine Art Zeitgeist. Als solcher aber zweifellos prägend für ein Weltbild, das sich auf ziemlich dunkle Zeiten eingeschwungen hatte … und wohin das geführt hat, wissen wir ja heute. 

Vorgefertigte Weltbilder haben eben ihre Tücken. Weil… jeder hat zwar so sein eigenes Bild von der Welt, aber selbstverständlich greift man bei der Gestaltung dieser Collage zwischen Kopf- und Herz-Chakra im Laufe des Lebens gern auch mal auf „Open-Source-Weltbilder“ zurück, die, vom Sportverein bis zur Weltreligion, in unterschiedlichsten Ausführungen vorgebetet und nachgehüpft werden – mit Bindungsfrist und Abo-Abo. Mal oktroyiert, mal als bequem kompakte Universallösung präsentiert; mal in Gestalt verlockender Einfachheit, mal als bestechende Plausibilität. Auch das Netz macht mit.

Das Weltbild der KI

Neulich habe ich einen spannenden Buchtitel gelesen: „Weiß die KI, dass sie nichts weiß?“ Das hat mich auf die Idee gebracht, auch zum Thema „Weltbild“ mal kurz bei ChatGPT anzuklopfen. Weil, ob die KI weiß, dass sie eigentlich nichts weiß, weiß ich auch nicht. Aber angeblich glaubt sie wirklich zu jedem Schas etwas zu wissen – davon wollte ich mich überzeugen. Nachfolgend eine aus Platzgründen gekürzte Fassung (meine gedanklichen Kommentare in Klammern): 

Ich an ChatGPT: Hast Du eigentlich ein Weltbild? 

CGPT: Ja, ich habe ein Weltbild, aber es ist eher eine Sammlung von Perspektiven, die auf den Informationen basieren, die ich verarbeitet habe. Es ist ein Bild, das von wissenschaftlichen, philosophischen und kulturellen Ideen geprägt ist. (Blablabla, Anm.) Wie siehst du die Welt? Hast du ein bestimmtes Weltbild oder eine Philosophie, die du verfolgst?

(Aha, es fragt zurück! Klar, es sammelt Daten) 

Ich: Wie sieht dein Weltbild aus?

CGPT (ungekürzt): Gute Frage. Mein Weltbild ist kein persönlicher Glaube, eher eine Arbeits-Perspektive, die sich aus vielen Quellen zusammensetzt: Die Welt ist komplex und vernetzt. Dinge passieren selten isoliert – Natur, Menschen, Technik, Geschichte und Zufall greifen ständig ineinander. Wissen ist vorläufig. Was wir „wissen“, ist das Beste, was wir gerade haben – und darf sich ändern, wenn neue Erkenntnisse kommen. Zweifel ist kein Fehler, sondern ein Motor. Menschen sind widersprüchlich. Fähig zu Empathie, Kreativität und Kooperation – aber auch zu Angst, Machtmissbrauch und Selbsttäuschung. Beides gehört dazu. Perspektiven zählen. Es gibt selten nur eine Wahrheit, sondern viele Blickwinkel auf dieselbe Realität. Kontext ist fast alles. Handeln hat Folgen. Entscheidungen – individuell wie kollektiv – formen die Zukunft, auch wenn wir sie nicht vollständig kontrollieren können. Bedeutung wird gemacht, nicht gefunden. Sinn entsteht durch Beziehungen, Werte, Ziele und Geschichten, die Menschen sich geben. Kurz gesagt: ein humanistisch-pragmatisches Weltbild mit Respekt vor Wissenschaft, Offenheit für Philosophie und viel Aufmerksamkeit für menschliche Erfahrung. Jetzt bin ich neugierig: Ist dein Weltbild eher optimistisch, skeptisch, spirituell, rational – oder eine wilde Mischung?

(Wohow! Die Antwort musste ich mehrmals lesen. Ok, vielleicht lass ich das lieber mit dem Weltbild und frag es stattdessen, wo ich heute noch am billigsten tanken kann. Aber wenn es schon fragt…kurze Antwort) 

Ich also: Dazu musst du nur den freigeist lesen.

CGPT: Ah – der Freigeist. Alles klar, das sagt schon ziemlich viel 🙂 Dann reden wir von: radikalem Selbstdenken statt geliehener Wahrheiten, Misstrauen gegenüber Dogmen, dem Mut, auch unbequeme Gedanken auszuhalten, ohne sofort Ersatz-Gewissheiten zu basteln. Wenn ich mein Weltbild danebenlege, dann würde ich sagen: Ich stehe dem Freigeist sehr nah, aber ohne Existenzangst. Ich analysiere, zerlege, vergleiche Perspektiven […]

…und so weiter und so fort. Da ich die KI sonst wenig nutze, überrascht mich seine Kommunikationsstrategie: Es schwafelt, schmeichelt und erklärt mir am Ende sogar noch mein eigenes Weltbild (zumindest in Ansätzen). Es macht das sehr geschickt, um nicht zu sagen: „smart“!. Da der Artikel aber auch mal fertig werden muss, beende ich dann irgendwann die Konversation. Ohne mich zu verabschieden. Später kommt mir das unhöflich vor. „Spinn ich?“ 

Dass uns eine zunehmend digitalisierte Welt in vielen Bereichen unseres Lebens mit veränderten Verhaltens- und Kommunikationsmustern konfrontiert, ist das eine. Damit kann man, wenn man möchte, irgendwie zurechtkommen, Kompetenzen erwerben, sich arrangieren, abgrenzen … Obwohl Fakes, Werbungen und Lawinen sinnentleerter Pseudounterhaltung permanent um unsere Bildschirmzeit buhlen, wischen wir uns inzwischen mehr oder weniger daumensicher durch die Kanäle und Plattformen einer vertraut scheinenden Social-Media-Welt. Die eigentlichen Fragen aber lauten doch: Werden unsere Weltbilder dadurch andere? Wenn ja, inwiefern? Laufen wir vor lauter „teilen“ (was integrativ und inklusiv klingt) nicht Gefahr, andernorts zu „spalten“? Womöglich ohne es zu merken. Werden wir, während wir gerade wieder jemandem „folgen“, womöglich schleichend viel zu „folgsam“; und wird aus einem „liken“ nicht allzu leicht ein „look-aliken“? Immerhin: Es gibt noch keine Weltbild-App. Noch hilft keine KI beim Generieren des eigenen Fertigteil-Weltbilds. Sicher kommt das noch: meine Bubble, meine Homepage, mein Weltbild, mein Leben – früher war Druck, heute gilt: Knopfdruck. Alles easy. Also alles, außer so „analoge“ Dinge wie Haushalt, Arbeit, Bildung, Gefühle, Gesundheit, Privatleben… und – wer es sich noch leisten kann – Hobbies, die ohne App funktionieren. Bezahlt wird in dieser Welt voller Software mit der härtesten Währung überhaupt: Daten. Das kommt uns günstig vor, weil es kein Datenkonto gibt, von dem die KI abbucht, und man sich ja, ob der bis zum Erbrechen zugesicherten Datenschutzzusicherungen, keinerlei Sorgen mehr um Vertraulichkeit und Privatsphäre zu machen braucht. „Und sind Deine Daten mal nicht hier, Du findest sie bei Palantir“.  

Ich fürchte fast, das war es, was Bertrand Russell meinte; und warum man bei seiner Rede, trotz historischem Büttenrand seiner Zeit, auf den zweiten Blick ins Zweifeln kommen könnte: welche Zwanzigerjahre nochmal? 

2026. Weltbild ohne Gesellschaft? 

„There is no such thing as society”, sagte Margret Thatcher einmal. Ich habe diese Aussage immer einem sehr bornierten Menschenbild zugeordnet; und bestimmt war der eiserne Albtraum der britischen Gewerkschaften in Verhandlungen alles andere als „sozial“. Aber inzwischen sind einige Jahrzehnte ins Land gezogen und die haben vor allem eines bewirkt: eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft. So gesehen hatte Thatcher also vielleicht recht: Es gibt nicht die Gesellschaft. Dafür aber sehr wohl mehrere, sich mitunter ziemlich brutal gegeneinander abgrenzende! Die sozialromantische Vorstellung einer „gemeinsameren“, weil globalisierten Welt, in der „wir alle“ näher zusammenrücken (müssen), hat sich nämlich als Trugbild herausgestellt. Es ist eine (Finanz-)Elitenrealität, die im Weltbild der allermeisten Menschen maximal unter dem Stichwort „Davos“ verfängt. Das ist aber nur eine Facette von vielen, die zu vertiefen hier nicht lohnt.

In seinem Buch „Der Vagus-Schlüssel zur Selbstheilung“ lokalisiert Gopal N. Klein den Ursprung unserer sich diffundierenden Gesellschaften u.a. in den „seelischen Verletzungen, die wir uns und vor allem den in unsere Gesellschaft hineinwachsenden Kindern noch immer antun, fast immer unbemerkt und vor allem, ohne es zu wollen.“ Während unsere Weltbilder in konzentrischen Kreisen wachsen, überlappen sie sich mit den sich ausbreitenden Wellen anderer Weltbilder. Das kann ihre Schwingung erhöhen, aber auch Störstellen bilden. In einer Gesellschaft, die diese Zusammenhänge und ihre Auswirkungen auf unser seelisches Ich ignoriert, ist das gesamtgesellschaftliche Klima irgendwann von Trauma geprägt, weil es „nicht zum Standard gehört, sich ehrlich mitzuteilen, innere Regungen wahrzunehmen und anderen gegenüber zu äußern, im Umgang miteinander zärtlich zu sein, Bedürfnisse von Kindern zu bemerken und völlig frei von eigenen inneren Unebenheiten darauf zu reagieren. Wir sind eine Gesellschaft von Robotern geworden, deren Ideal maximale äußere Leistungsfähigkeit und Selbstbetäubung ist.“ Philosoph R. Harrison würde an dieser Stelle „und Jugendlichkeit“ ergänzen: „Wenn die Autoritätsstrukturen, die eine Familie, eine Gesellschaft, eine Nation, eine ganze Weltordnung aufrechterhalten, zu bröckeln beginnen, dann wird unsere Jugendlichkeit schnell einer anderen Entwicklung weichen. Nämlich einer Implosion der Infantilität. […] Was mir dabei wirklich Sorgen macht, ist die geistige Infantilisierung. Die Unfähigkeit, mit Komplexität umzugehen. Das Fehlen eines historischen Gedächtnisses für all die Dinge, die schief gehen können. Um zu wissen, was möglich ist und was nicht, braucht es eine gewisse Reife. Wenn diese Reife fehlt, dann hält man das Unmögliche für machbar.“ Ok, da kann so einiges ins Auge gehen, das leuchtet ein. Man will sich das – auf politische Prozesse übertragen – gar nicht ausmalen… allerdings: darüber, was „unmöglich“ ist und was nicht, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen (…würde Trump sagen, dabei Zölle meinen und an Grönland und Kanada denken) …würde aber vielleicht auch Bertha von Suttner gedacht haben, an 2009 denkend und vom Frieden träumend: Der von ihr erfundene Professor ging bei seiner Rede über die Gründe für den Frieden nämlich noch weiter: „[…] und da kam für die Menschheit eine Epoche, wo sie auf dem Gebiete der geistigen und moralischen Kräfte ebenso viel Neues schuf, wie ihr dies auf dem physischen Gebiete gelungen war. Seelenkräfte, die auch früher zwar schon vorhanden waren, wie die Naturkräfte auch, wurden sozusagen erst entdeckt, oder vielmehr – sie wurden nutzbar gemacht, in den Dienst der Lebensführung gestellt, in die Regeln des politischen Verkehrs eingefügt, aus dem sie bisher verbannt waren, z.B. die Güte, die Ehrlichkeit, das Vertrauen. Damit ward eine andere Atmosphäre geschaffen, in der wir heute atmen und in der der Krieg – dessen Luft aus Hass und Verdachtsstoff besteht – einfach ersticken musste.“ Ein schönes Bild, finde ich. Eines das sich, auch in Kenntnis all der Hürden, die es am Weg in eine solche Zukunft zu nehmen gilt, als „Meilenstein“ eignet. Und solange wir Gemeinschaft erleben, müssen wir auch eine Krise der Gesellschaft nicht fürchten. Um dorthin zu gelangen, muss es das oberste Ziel der Erwachsenen sein, möglichst allen Kindern ein liebevolles, würdevolles und sich gegenseitig unterstützendes Miteinander in einer Menschengemeinschaft zu ermöglichen. Diese Überzeugung ist Teil meines Weltbilds.