Aufrecht stehen, wenn andre sitzen, Weltbilder, freigeist, Frühjahr 2026

Aufrecht stehn, wenn andre sitzen

Oktober 2022, im deutschen Brandenburg – die Kulturkirche Neuruppin ist von Klängen der drei Musiker der Gruppe L‘art de passage erfüllt. In den Applaus zum Ende des ersten Stückes betritt mit eiligen Schritten jene Frau, wegen der die Besucher heute vornehmlich gekommen sind, die Bühne: Bettina Wegner. 

Fritz Schandl

In einer Woche wird sie ihren 75. Geburtstag feiern, seit über 60 Jahren steht sie auf Bühnen und nun wirkt sie fast verlegen, hier hinter dem Mikrofonständer. In ihrem gewohnten Berliner Dialekt stellt sie die Musiker vor, noch ist Zeit für ein paar einführende, humorvolle Worte. 

Dann singt Bettina Wegner – kraftvoll, gefühlvoll, zornig, anklagend, liebevoll. 

Wenn Bettina Wegner singt, gibt es kein Augenzwinkern, kein Relativieren, ihre Emotion wird Stimme, ihre Stimme Emotion.

Schauplatzwechsel:  Deutschland, Berlin, 1947

Deutschland wird nach dem 2. Weltkrieg von jenen Staaten verwaltet, die Nazi-Deutschland mit Gewalt zwingen konnten, den Krieg und die Massenmorde zu beenden. Berlin liegt mitten in der sowjetischen Zone, ist aber als solches (so wie es auch bei Wien war) in vier Sektoren unterteilt: das sowjetisch verwaltete Ostberlin und die amerikanisch, britisch und französisch verwalteten Sektoren als Westberlin.

Bettina Wegner wird 1947 in Westberlin geboren. Ihre Eltern sind überzeugte Kommunisten und ihr Vater bekommt eine Anstellung als Journalist bei der Zeitung „Tägliche Rundschau“, die von der sowjetischen Armee in der von ihr kontrollierten Zone Deutschlands herausgegeben wird. 

Die Sowjetunion und die USA sind zu diesem Zeitpunkt schon weit in einen diplomatischen Machtkampf um den Einfluss in Deutschland verstrickt und die politische Trennung in Ost- und Westdeutschland nimmt immer stärkere Formen an. Als 1948 die Währung in Ost- und Westmark getrennt wird, zieht Familie Wegner nach Ostberlin um, da der Vater mit seinem Gehalt in Ostgeld in Westberlin nicht mehr einkaufen kann. 

1949 wird die DDR gegründet, damit sind die Wegners nun offiziell DDR-Bürger. Am Papier und zunächst auch in den Herzen der Menschen ist die DDR ein idealistisches, sozialistisches Friedensprojekt. Die Realität wird dem aber nie, und schon ab 1949 immer weniger gerecht. Von Anfang an hat die Sowjetunion den von ihr verwalteten Teil Deutschlands als Kriegsentschädigung materiell ausgebeutet. Die deutsche „Selbstverwaltung“ wird an Personen übergeben, die sich von Moskau aus dirigieren lassen. Wer dem Diktat nicht nachkommt, kann sehr schnell in sowjetische Straflager verschwinden. So entwickelt sich eine skrupellose Politelite, die Frieden und Solidarität vortäuscht, aber Überwachung und Diktatur immer weiter ausbaut.

Eine Kindheit und Jugend in der DDR

In dieser Gemengelage wächst Bettina Wegner auf. Ideologische Prägung, moralischer Anspruch und prächtige Porträts von Stalin sind allgegenwärtig und sie kann ihren ihr innewohnenden Gerechtigkeitssinn ausleben. Die dunklen Seiten des Sowjetregimes werden von den Kindern ferngehalten. Politisch durchläuft Bettina Wegner alle vorgesehenen Stationen: Jungpioniere, Freie Deutsche Jugend, Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Freier Deutscher Gewerkschaftsbund. Mit 18 Jahren will sie auch in „die Partei“, die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), eintreten. Dies wird ihr aber verwehrt, eine Kommission beurteilt sie als „unreif“, da sie, gefragt, ob sie die Musik der Beatles möge, beginnt von diesen zu schwärmen.

Von den Arbeiterfestspielen zum Hootenanny-Club und erste Brüche

Ihre ersten Lieder schreibt Bettina Wegner schon mit 12 Jahren: sie singt über Krieg, Frieden und die Liebe und kann bei Parteiveranstaltungen auftreten. Bald ist sie auch bei Talentwettbewerben erfolgreich und wird als DDR-Vertreterin zu den Arbeiterfestspielen entsandt. Dort lernt sie Musiker aus Kanada kennen, die sie dazu inspirieren, 1966 zusammen mit anderen in Berlin den „Hootenanny-Club“ zu gründen. Hier können junge Menschen auftreten, singen und danach über die Lieder diskutieren. Einige Zeit lang werden diese Aktivitäten vom Kulturausschuss der Partei beobachtet, allerdings zunehmend als suspekt empfunden. 1967 wird der Klub von der Partei in „Oktober-Klub“ umbenannt und fortan selbst kontrolliert, für Bettina Wegner ist er damit uninteressant geworden. 

Hoffnung, Gewalt und Abkehr

Das Jahr 1968 ist eine Zäsur in Europa und in Bettina Wegners Leben. 

Während in westlichen Hauptstädten vor allem Studenten für mehr gesellschaftliche Freiheiten auf die Straße gehen, hat in der kommunistischen Tschechoslowakei eine Regierung die Geschäfte übernommen, die von sich aus politische Liberalisierung, Demokratisierung und Emanzipierung von der Sowjetunion vorantreibt – die Menschen atmen auf: der „Prager Frühling“.

Doch dann geschieht, was die Menschen schon 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn erleben mussten. Die Sowjetunion und die mit ihr im Warschauer Pakt verbündeten Staaten Polen, Ungarn und DDR schicken 800 Flugzeuge, 6.300 Panzer und fast eine halbe Million Soldaten in die Tschechoslowakei, besetzen Prag und schlagen die Freiheitsbestrebungen mit brutaler, blutiger Gewalt nieder. Menschen werden von Panzern überrollt.

Bettina Wegner, die zu dieser Zeit an der Schauspielschule studiert und ein wenige Monate altes Baby hat, ist entsetzt, sie will sich dazu äußern. „Es lebe das rote Prag!“, „Hoch, Dubcek!“, „Hände weg von Prag!“, „Solidarität mit Prag!“, „Glaubt nicht den Zeitungslügen, sonst werdet ihr mitschuldig!“, „Deutsche raus aus Prag!“, „Nieder mit den Mördern von Prag!“ 45 handgeschriebene Zettel sind es, die sie verfasst, 25 davon wirft sie selbst in Briefkästen, drei ein befreundeter junger Mann. 

Verhaftung und Gefängnis

Noch bei der Aktion werden die beiden von der Polizei kontrolliert, am nächsten Tag festgenommen, Bettina Wegner kommt in eine Einzelzelle und wird täglich verhört. Das Urteil bei der folgenden Verhandlung lautet: 16 Monate Haft wegen staatsfeindlicher Hetze.

Einem längeren Gefängnisaufenthalt kann Bettina Wegner letztlich entgehen. Ihr wird Haftaussetzung gewährt und stattdessen zwei Jahre Bewährung in der Produktion, also die Zuweisung zur Arbeit in einer Fabrik, auferlegt. Mit dem künstlerischen Werdegang ist es damit aber vorerst vorbei, in der Schauspielschule hat sie nun Hausverbot.

Beruf, doch kaum Arbeit

Nach Ende dieser zweijährigen Strafarbeitszeit wird Bettina Wegner ein Studienplatz für Unterhaltungskunst genehmigt. Sie erhält Gesangs-, Tanz-, Sprechunterricht, am Ende ein Diplom und einen Berufsausweis als freiberufliche Sängerin, aber praktisch keine Auftrittsmöglichkeiten. Man hütet sich vor der politisch Unerwünschten.

Doch Bettina Wegner bleibt engagiert. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Klaus Schlesinger, mit dem sie seit 1970 verheiratet ist, organisiert sie Veranstaltungsreihen unter dem Namen „Eintopp“. Als das nach  1½ Jahren verboten wird, ein weiteres Jahr an einem anderen Ort als „Kramladen“: Schriftsteller und Musiker können dort auftreten und anschließend mit dem Publikum diskutieren. Schließlich wird auch das „abgedreht“. 

Jene, die das Land so sehr nicht liebten

Die Staatssicherheitsbehörde „Stasi“ hat das Paar Wegner/Schlesinger unter Dauerbeobachtung. Plattenfirmen verweigern sich, Auftritte sind rar. Als die DDR 1976 den ebenfalls unbequemen Sänger Wolf Biermann zwangsaussiedelt, unterschreibt Bettina Wegner eine Petition dagegen – nun ist es mit Auftrittsmöglichkeiten so gut wie ganz vorbei.

Menschen mit und ohne Rückgrat

Ein Zufall öffnet neue Möglichkeiten: In einem Interview mit einem westdeutschen Korrespondenten für den ZDF stellt Bettina Wegner das Lied „Kinder“ vor, das sie im „Westen“ so populär macht, dass die DDR sich schwertut, sie weiterhin komplett kaltzustellen. Man macht ihr das Angebot, einen Vers darin zu ändern, dann dürfe sie es aufführen. 

Statt: „Grade, klare Menschen wären ein schönes Ziel, Menschen ohne Rückgrat haben wir schon zu viel!“, solle sie singen: „Grade, klare Menschen sind ein schönes Ziel, schon einer ohne Rückgrat wäre uns zu viel.“ Eine Farce – sie lehnt das ab. Also weiter keine Auftritte.

Von Deutschland nach Deutschland

Weil sie schon zu populär ist, um sie unauffällig loszuwerden, versucht die DDR es mit Bettina Wegner auf andere Weise. Sie stellt ihr 1980 für drei Jahre ein Ausreisevisum aus, mit dem die Sängerin jederzeit für Konzerte in den Westen fahren darf. Dort ist sie gefragt, tritt auf großen Bühnen auf und kann nun auch Platten aufnehmen. Die ostdeutsche Führung hofft, sie möge sich, wie viele andere Künstler, in den Westen absetzen, aber Bettina Wegner kehrt nach jedem Auftritt zurück. Ostberlin ist ihr Wohnort und Heimat.

Mit dem eignen Messer, meine Wurzeln aus der Erde drehn

Als dieses drei Jahres-Visum ausläuft, wird Bettina Wegner ins Kulturministerium zitiert. Der zuständige Beamte sagt zu ihr: „Frau Wegner, wir können mit Ihnen nicht, sie können mit uns nicht, nun gehen Sie doch bitte nach Westberlin!“ Wieder lehnt sie ab. Lieber verzichtet sie auf den Beruf als Sängerin als Ostberlin zu verlassen. Der Druck wird größer. Die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Zoll- und Devisenverfahren für alle vergangenen Konzerte im Westen und droht mit neuerlichem Gefängnis.

Gefängnis ist keine Option für die mittlerweile dreifache Mutter – Bettina Wegner gibt nun nach und zieht mit den Kindern 1983 nach Westberlin.

Heimweh nach Heimat

Alles ist fremd. Die Freunde und Verwandten sind auf der anderen Seite der Mauer, die vielen bunten Lichter Bettina Wegner zuwider. Nie wollte sie im Kapitalismus leben und jetzt erlebt sie am eigenen Leib, wie sie vom Menschen zur vermarktbaren Ware gemacht werden soll. Gegen Ratschläge der Vermarktungsindustrie, sie solle doch etwas fröhlichere Lieder singen, verwehrt sie sich. Bettina Wegner lässt sich nicht verbiegen.

Das Kartenhaus stürzt ein

1989 geschieht, was kaum jemand für möglich gehalten hätte. Innerhalb weniger Monate fallen die Zäune und Regime im Osten Europas. Polen führt im Juni freie Wahlen durch, Ungarn öffnet seine Grenzen im September und noch bevor auch die Tschechoslowakei im Dezember ihre Grenzen öffnen wird, „fällt“ am 9. November 1989 die Berliner Mauer. Bürger der DDR dürfen ab sofort frei und ohne Gefahr Grenzübergänge passieren. Ein Fenster der Geschichte tut sich auf. 

In niemands Haus

Wie einige andere Menschen glaubt Bettina Wegner daran, dass nun der Traum von einem Deutschland, in dem man solidarisch leben kann, wahr werden könnte. Ein Deutschland, anders als die DDR und anders als die Bundesrepublik, mit Achtung vor dem Menschen, Zusammenhalt, freier Meinungsäußerung, freier Kultur, ohne Diktatur der politischen Elite und ohne Diktatur des Geldes. Es ist ein kurzer Glaube an eine Chance für die sozialistischen Idee ohne Diktatur. 

Schon im Frühjahr 1990 stellt sich heraus, dass der wirtschaftlich mächtigere Westen Deutschlands, die Bundesrepublik, die ehemalige DDR nicht als gleichwertigen Partner anerkennt, sondern sie sich im Schnelllauf einverleibt. Die Politik hält Wahlen mit CDU-Erfolg im März, beschließt die Währungsunion im Juli und die Wiedervereinigung mit gleichzeitiger Auflösung der DDR im Oktober 1990. Das window of opportunity ist wieder geschlossen.

Wenn alle Menschen

Eindringlich appelliert Bettina Wegner in ihren Liedern weiterhin an die Menschen, für ihre Meinung, für ihr Recht auf Frieden einzustehen. Von Vereinen hat sie aus ihrer Jugend genug, nur einem tritt sie noch bei: Amnesty International. Für dessen Anliegen singt sie, für Anliegen der Roma, für die Bewahrung Jiddischen Liedgutes, für Gerechtigkeit und für Liebe. 2007 gibt sie ihre offizielle Abschlusstournee und wird fortan nur noch bei seltenen Gelegenheiten auftreten.

Zurück in Neuruppin:

Mit dem Lied „Tanz mich bis zur Liebe Schluss“, dessen englisches Original Leonard Cohen einst in Gedenken an Menschen, die im Grauen des Holocaust ermordet wurden und ihre Liebe nicht zu Ende leben konnten, geschrieben hat, verabschiedet sich Bettina Wegner als letzte Zugabe von den KonzertbesucherInnen. Wie schon mehrmals an diesem Abend sind es gemeinsame Tränen, die in die Augen der Künstlerin und der ZuhörerInnen steigen. Das Konzert ist zu Ende und es ist mehr als anerkennender Beifall, der es beschließt. Es ist gegenseitige Zuneigung und warmherzige Dankbarkeit, die sich in allen Gesichtern spiegelt.