Was ist Geborgenheit – und lässt sich eine Atmosphäre von Geborgenheit auch in einem Waldkindergarten herstellen?
Petra Kindermann
Geborgenheit gehört zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen. Sie gibt Sicherheit, mindert Ängste und ermöglicht Entspannung. Erst wenn ein Kind sich sicher und angenommen fühlt, kann es sich neugierig seiner Umwelt zuwenden, sie erforschen und sich auf neue Erfahrungen einlassen. Geborgenheit ist damit eine wichtige Voraussetzung für kindliche Entwicklung, für Lernen und für das Entstehen von Selbstvertrauen und Kompetenzen.
Als Begleiterin von Kindern im Alter von zweieinhalb bis sechs Jahren verstehe ich unter Geborgenheit vor allem dieses innere Gefühl: Ich bin sicher. Ich bin geschützt. Ich bin gut aufgehoben. Ich darf sein, wie ich bin.
Geborgenheit bedeutet für mich emotionale Wärme, Vertrauen, Frieden und das Gefühl, angenommen zu sein – mit allen Stärken, Schwächen, Bedürfnissen und Gefühlen. Ein Kind muss nicht erst was leisten oder sich anpassen, um diese Annahme zu erfahren. Es darf einfach da sein.
Doch wie kann dieses Gefühl in einem Waldkindergarten entstehen – an einem Ort ohne feste Wände, Türen und Räume, die Schutz vermitteln?
Ich bin überzeugt: Geborgenheit braucht nicht unbedingt Wände. Sie braucht vor allem verlässliche Beziehungen, Orientierung und Vertrauen.
Vertrauen beginnt bei den Erwachsenen.
Bei Waldfexxx beginnt dieser Prozess bereits, bevor ein Kind zum ersten Mal mit uns in den Wald kommt.
Wir geben den Eltern die Möglichkeit, uns Begleiterinnen und Begleiter über mehrere Etappen hinweg kennenzulernen – bei einer Informationsveranstaltung, einem Tagesseminar und im Aufnahmegespräch. So entsteht bereits unter den Erwachsenen eine Beziehung. Fragen können gestellt, Erwartungen ausgetauscht und Unsicherheiten angesprochen werden.
Auf diese Weise kann ein erstes Basisvertrauen wachsen.
Meine Erfahrung ist, dass Kinder uns Erwachsenen oft offen und vertrauensvoll begegnen können, wenn sie spüren, dass auch ihre Eltern Vertrauen zu uns haben. Schließlich übergeben Eltern uns etwas sehr Kostbares: ihr Kind. Wenn sie erleben, dass ihr Kind bei uns gesehen, ernst genommen und gut begleitet wird, entsteht eine wichtige Grundlage dafür, dass auch das Kind Vertrauen entwickeln kann.
Beziehung schafft Geborgenheit
Mit dem Eintritt in den Waldkindergarten beginnt für jedes Kind ein individueller Prozess des Ankommens.
Eine feinfühlige Eingewöhnung, die sich an den Bedürfnissen und am Tempo des jeweiligen Kindes orientiert, ermöglicht es, Schritt für Schritt Sicherheit aufzubauen. Beziehung kann nicht erzwungen werden. Sie wächst durch Zeit, Verlässlichkeit, wiederkehrende Erfahrungen und durch das Erleben: Da ist jemand, der mich wahrnimmt und für mich da ist.
Dabei spielt die Haltung der Pädagoginnen und Pädagogen eine entscheidende Rolle.
Gerade in einem Waldkindergarten, in dem es keine schützenden Wände gibt, sind wir Erwachsene ein wesentlicher Teil des sicheren Rahmens.
Wir nehmen wahr, wenn ein Kind friert und kalte Hände hat. Wir erkennen, wenn es müde ist oder eine Pause braucht. Wir begleiten Konflikte, geben Orientierung, unterstützen achtsam dort, wo das Kind eine Hilfe braucht, ohne etwas vorneweg zu nehmen, was das Kind selber kann.
So erfahren uns Kinder als verlässlich.
Sie können erleben:
Wenn etwas schwierig wird, bin ich nicht allein.
Wenn ich Hilfe brauche, ist jemand da.
Wenn ich traurig bin, darf ich traurig sein.
Wenn ich mich etwas traue, wird mir etwas zugetraut.
Klarheit und Verlässlichkeit
Geborgenheit bedeutet dabei nicht, Kindern jede Schwierigkeit abzunehmen oder ihnen jede Grenze zu ersparen.
Im Gegenteil: Auch klare Regeln und Grenzen geben Sicherheit. Sie machen die Umgebung vorhersehbarer und helfen Kindern, sich zu orientieren.
Eine achtsame und wertschätzende Kommunikation unterstützt diesen Prozess. Kinder brauchen Erwachsene, die präsent sind, Grenzen klar und nachvollziehbar setzten und gleichzeitig ihre Gefühle und Bedürfnisse ernst nehmen.
Verlässlichkeit, bedingungslose Annahme und Orientierung bilden für mich wichtige Säulen von Geborgenheit.
Ein Kind darf wissen: Die Erwachsenen sind da. Sie meinen es gut mit mir. Sie schützen mich, wenn es notwendig ist, und sie trauen mir gleichzeitig etwas zu.
So entsteht ein Raum, in dem innere Freiheit möglich wird.
Vertraute Orte im Wald
Auch die Umgebung selbst kann dazu beitragen, dass sich Kinder sicher und geborgen fühlen.
Gerade mit den jüngeren Kindern besuchen wir zu Beginn regelmäßig bestimmte, vertraute Orte. Dazu gehört unser Basislager mit dem Tipi. Das Tipi bietet einen zusätzlichen Schutz- und Rückzugsraum und wird von den Kindern als warm, gemütlich und heimelig erlebt.
Auch unsere Spielbereiche im Wald sind örtlich klar begrenzt. Sie tragen eigene Namen, wie: „Japan“, „Goldgrabestelle“ oder „Waldrand“.
Mit der Zeit werden diese Orte vertraut. Die Kinder wissen, wo sie sich befinden, kennen die Wege und entwickeln ihre ganz eigene Beziehung zu den verschiedenen Plätzen. Aus dem Vertrauen, das die örtliche Orientierung mit sich bringt, kann Geborgenheit wachsen.
Der Wald als Erfahrungs- und Lebensraum
Darüber hinaus bringt die Natur selbst Qualitäten mit, die viele Menschen als beruhigend und wohltuend erleben.
Ein interessanter Ansatz ist dabei die von dem Biologen Edward O. Wilson geprägte Biophilie-Hypothese. Sie beschreibt die Annahme, dass Menschen eine tief verwurzelte, evolutionäre Verbindung zur lebendigen Natur besitzen. Wir fühlen uns dort instinktiv sicherer und geborgen, wo Leben gedeiht.
Im Wald begegnen Kinder einer Umgebung, die nicht vollständig planbar und kontrollierbar ist. Sie erleben Jahreszeiten, Wetter, Tiere, Pflanzen, Geräusche, Licht und Schatten. Sie können beobachten, staunen und mit allen Sinnen erfahren.
Der Wald ist selbst ein Erfahrungsraum, in dem Kinder Beziehung aufbauen können – zur Natur, zu anderen Kindern und zu sich selbst.
Geborgenheit wächst auch von innen
Besonders spannend finde ich den Gedanken, dass Geborgenheit nicht ausschließlich von außen gegeben wird. Sie kann mit der Zeit auch zu einem inneren Gefühl werden, dem sogenannten Urvertrauen.
Ein solches inneres Vertrauen könnte sich beispielsweise in der Erfahrung ausdrücken:
Ich kann etwas bewältigen.
Ich finde einen Weg.
Ich darf mich ausprobieren.
Wenn ich Unterstützung brauche, ist jemand da.
Urvertrauen beschreibt überdies die innere Gewissheit, dass im gegenwärtigen Moment nichts Schlimmes passieren wird, man im Notfall Halt findet.
Hier spielt die Erfahrung von Selbstwirksamkeit eine wichtige Rolle.
Der Wald bietet dafür unzählige Möglichkeiten
Ein Kind gräbt ein Loch und entdeckt etwas darin. Es schnitzt einen Stock. Es baut ein Lager. Es findet einen besonderen Stein. Es sammelt Schätze. Es klettert auf einen Baum. Es entwickelt gemeinsam mit anderen Kindern ein Rollenspiel und erschafft eine eigene Welt.
Für Kinder sind diese kleinen Dinge bedeutsame Erfahrungen:
Ich kann etwas.
Ich kann etwas herausfinden.
Ich kann etwas erschaffen.
Ich kann Schwierigkeiten überwinden.
Aus solchen Erfahrungen kann Selbstvertrauen wachsen.
Wenn ein Kind zunehmend Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickelt, kann dies wiederum das Vertrauen in die eigene Umwelt stärken. So entsteht ein Kreislauf: Vertrauen ermöglicht Exploration, Exploration ermöglicht Selbstwirksamkeit und Selbstwirksamkeit stärkt wiederum Vertrauen/Selbstvertrauen/Urvertrauen.
Geborgenheit wird damit nicht nur zu etwas, das Erwachsene einem Kind geben. Sie wird zu etwas, das ein Kind in sich selbst trägt.
Geborgenheit als Grundlage für Abenteuer
Vielleicht liegt genau darin eine der besonderen Chancen eines Waldkindergartens.
Der Wald ist weit. Er bietet Freiheit, Bewegung und unzählige Möglichkeiten, die Welt zu entdecken. Gleichzeitig braucht es einen sicheren Rahmen, damit Kinder diese Freiheit auch wirklich nutzen können.
Geborgenheit bedeutet deshalb nicht, Kinder vor allen Herausforderungen zu bewahren.
Geborgenheit bedeutet, ihnen einen sicheren Ausgangspunkt zu geben, von dem aus sie sich auf den Weg machen können.
Ein Kind, das sich geborgen fühlt, kann loslassen. Es kann neugierig werden. Es kann seine Umgebung erforschen, Grenzen ausprobieren, Risiken einschätzen, eigene Lösungen finden und sich immer weiter in die Welt hinauswagen.
Fazit:
Geborgenheit braucht keine vier Wände.
Sie entsteht durch Beziehung, Vertrauen, Verlässlichkeit, Orientierung, Urvertrauen und die Gewissheit: Ich bin nicht allein.
Im Waldkindergarten schaffen wir diesen geschützten Raum vor allem durch unsere Haltung und durch die Beziehungen, die wir zu den Eltern und zu den Kindern aufbauen. Vertraute Orte, klare Grenzen und wiederkehrende Strukturen geben zusätzliche Sicherheit.
Und dann darf etwas Wunderbares geschehen:
Die Kinder können sich aus der Geborgenheit heraus in die Welt bewegen. Sie können den Wald erobern, ihre eigenen Fähigkeiten entdecken, sich mit der Natur verbinden, mit ihrem Geist in sie hineinfließen und jeden Tag stärker, selbständiger und selbstbewusster werden.
So können jeden Tag neue Abenteuer beginnen, Schätze des Waldes gehoben werden, Welten entdeckt werden und Kinder gedeihen.
Geborgenheit ist dann nicht der Ort, an dem das Abenteuer endet.
Sie ist der sichere Boden, von dem aus das Abenteuer beginnen kann.

