Schmetterlingenweld

„Schau‘ Papa, so sieht die Welt eigentlich aus“, sagt die jüngere meiner beiden Töchter. Sie zwängt sich, während sie das zu mir sagt, mit ihrer Zeichnung in der Hand zwischen mich und meine Morgenzeitung, um auf meinem Schoß Platz zu nehmen, damit ich ihr Werk ungestört betrachten kann. „Hast du der Zeichnung einen Namen gegeben?“, frage ich und wische mir ihre kitzelnde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Schmetterlingenweld!“, ruft sie bestimmt und schreibt den Namen mit hellblauer Farbe links oben auf ihr Bild. „Einen schönen Namen hast du da ausgesucht“, antworte ich amüsiert. 


Von Franz Josef Gaugg

Diese kurze Begebenheit ist schon viele, viele Jahre her, das Töchterchen mittlerweile erwachsen. Ich habe sie nie gefragt, ob sie sich an diese Geschichte, an diese Zeichnung noch erinnern kann. Bei mir jedoch klingt sie nach. Und wenn ich ehrlich zu mir bin, dann bin ich seitdem stets ein wenig auf der Suche nach dieser Schmetterlingenweld, frage mich, ob es diese Welt nicht auch jenseits der kindlichen Phantasie geben könnte. 

Halt! Bin ich vielleicht auf dem Holzweg, wenn ich die Schmetterlingenweld im Reich der kindlichen Phantasie verorte? Heißt es nicht auch „Schmetterlinge im Bauch haben“? Dann wären die Eingeweide ein möglicher Ort dieser Flügelwesen. Dann wäre ihre Welt in jenem Bereich des Körpers zu finden, mit dem wir die Welt in uns aufnehmen, verstoffwechseln, sie in uns hineinholen, die äußere Welt über diese inneren Kontaktflächen uns im Wortsinn einverleiben.

Schmetterlinge im Bauch heißt aber auch: berühren wollen und berührt werden wollen. Unsere Haut ist hier gefragt, eine kommunizierende Membran als äußere Kontaktfläche: Selten und kostbar ist die gemeinsame Zeit mit ihr, der mir so schönen Frau, des mir so schönen Menschen. Sanft streiche ich mit der Innenseite meines rechten Daumens zuerst über ihre Augenbrauen, dann ihre Augenlieder, eines nach dem anderen. An der Innenseite meiner Hand spüre ich ihren ruhigen Atem. Meine Fingerkuppen berühren ihre Wangen, zärtlich führe ich den Daumen ihren Nasenrücken entlang, folge der Zeichnung ihrer leicht geöffneten Lippen. Meinen Kopf halte ich dabei auf meine linke Hand gestützt. Entspannt liegen wir beieinander, mein Körper genießt ihre Wärme. In die Stille hinein fallen erste Wörter. Aber für Wörter bin ich jetzt nicht bereit. Behutsam tippt deshalb die Spitze meines Zeigefingers einen Punkt auf ihre Stirn, ruht kurze Zeit zwischen ihren Brauen und meint wortlos: „Bleib noch! Bleib in unserer zärtlichen Stille.“

In der warmen Frühlingssonne spazierte ich vor ein paar Wochen neugierig in eine andere Stille hinein. Vom Hütteldorfer Bahnhof aus ging ich, von der Linzer Straße kommend, den Hügel hinauf zur Hauptschule am Kinkplatz. Das Gebäude wurde 1994 nach Plänen des Architekten Helmut Richter (1941-2014) im Zuge der damaligen Wiener Schulbauoffensive errichtet. Während die meisten Schulgebäude viele Jahrzehnte in Betrieb sind, war dieses Gebäude nur knapp 23 Jahre lang in Verwendung. Bereits 2017 wurde die Schule geschlossen. Die Schüler*innen sind ausgezogen. Es wurde still in diesem Haus. 

Durch den österreichischen Film „Freispiel“ aus dem Jahr 1995 bin ich vor wenigen Wochen an diese Schule erinnert worden. Alfred Dorfer spielt darin einen ambitionslosen Musiklehrer mittleren Alters. Die ersehnte Musikkarriere kam nie in Fahrt. Sein Leben ist schon vor vielen Jahren ins Stocken geraten. Erst sein Schrecken über den Selbstmord eines Schülers, den er aus seiner Ambitionslosigkeit heraus nicht zu erreichen vermochte, bringt sein Leben wieder in Fluss. Der Schüler sprang in der Schule von der offenen Galerie in die Tiefe, fand den Tod. Der Lehrer findet aus dieser schrecklichen Tiefe ins Leben zurück. Den filmischen Rahmen bildet die damals noch jung erbaute Hauptschule am Kinkplatz.

In der mittäglichen Sonntagssonne stehe ich vor dem geschlossenen Gartentor, das mir bis zur Brust reicht. „Betreten verboten“ steht auf einer Tafel geschrieben. Dahinter sehe ich die mit großen Holzplatten vernagelten Zugangstüren zum Gebäude. Meine Kamera hänge ich über den Zaun, damit ich sie beim Klettern nicht versehentlich beschädige. „Ziemlich lost hier“, würden meine beiden Töchter beim Anblick des Gebäudes sagen. Ich grinse bei diesem Gedanken, hänge mir die Kamera auf der anderen Seite des Zaunes angelangt wieder um und gehe in den ersten Hof des Gebäudes. Ja, Sie lesen schon richtig: Türen sind geschlossen, ins Gebäude kommt man ohne Schlüssel oder Brecheisen nicht hinein. Aber die Höfe haben keine Türen, sie sind untereinander und nach außen hin mit offenen Durchgängen verbunden. Ich würde sie als Zufallsprodukte bezeichnen, die sich aus der Anordnung des Gebäudes gleichermaßen spielerisch wie selbstverständlich ergeben, da das Gebäude auf einem Hang steht, der nach Süden abfällt. Das Grundrisskonzept, wie das gesamte Gebäude auch, ist sehr einfach gegliedert. Hangseitig docken die drei Finger der Klassentrakte an. Talseitig vermittelt eine viergeschossige Galerie als Kammrücken zum Turnsaal hin. Von der Galerie aus werden die Klassentrakte erschlossen, parallel zu diesem inneren Weg liegt die äußere Verbindung der Höfe. Konzept fertig. 

Die Verzahnung von Außen- und Innenraum ist ein ganz wesentlicher Teil des Entwurfsgedankens. Wie es auch die Entscheidung des Architekten für die Konstruktion aus Stahl und Glas ist. Dadurch hat das Gebäude nicht den Beigeschmack „für die Ewigkeit gebaut“ von Stein- und Ziegelbauten. Es könnte morgen schon demontiert werden, woanders sein. Ich finde das eine kräftige, mutige Aussage, durch die Architektur vorgetragen: „Die Schule ist kein unverrückbarer Moloch, der die Lebendigkeit der Schüler*innen zu verschlingen droht. Vielmehr hockt es als riesiger Schmetterling am Hang, offen für Neues, für Anderes. Jederzeit bereit sich zu erheben.“

Die ungewöhnliche, im Sonnenlicht flirrende Silhouette scheint mir als Paraphrase die Thematik des Hanges zu wiederholen. Ein Spiel von Leichtigkeit und Kühnheit: Über viele Meter spannt sich das riesige Glasdach quer über die gesamte Breite der Schule. Es wird zur Fassade, weil es vom 4. ins 1. Geschoß hinunterschießt und so, ganz nebenbei, im Zusammenspiel mit den waagrecht liegenden Klassentrakten die markante Silhouette dieser Schule bildet. Als Akzente, wohl von einem musikalischen Geist gedacht, sind außenseitig die Stiegenhäuser als schlichte, schnörkellose Glasprismen beigestellt.

Stahl, Beton, Metallblech und vor allem Glas sind die Materialien dieses klappernden Gebäudes. Mit großer Sorgfalt sind die einzelnen Teile aneinandergefügt. Alles wurde klar, konsequent und kompromisslos gedacht und gebaut. „Im Geiste nicht unähnlich dem prägnanten Holzstadel, wie ich ihn bei der Wanderung im oberösterreichischen Almtal fotografiert habe“, denke ich mir beim Anblick des Gebäudes, während ich mit der Kamera hantiere. Meine Gedanken schweifen ab zur Wanderung mit einem Freund am letzten Wochenende. Am Ufer der schlängelnden Alm führte unser Weg entlang. Mein Begleiter ist ein Insektenfreund im Allgemeinen und ein Schmetterlingsliebhaber im Besonderen: Hier macht er mich auf eine Futterpflanze für diese oder jene (Schmetterlings-) Raupe aufmerksam, dort sieht er vor einem schwarzen Loch eine noch schwärzere Grille hocken. „Schau“, flüstert er schmatzend und verschluckt sich beinahe am Bissen seines Jausenbrotes, „die Käfer schlüpfen.“ Ich weiß nicht mehr, welche Käfer er meinte. Gesehen habe ich auch keine. Aber sie sollen in Scharen aus der noch leicht angefeuchteten Wiese, in der wir rasteten, himmelan aufgestiegen sein. Immer wieder kreuzen Schmetterlinge unseren Weg. Nach anfänglicher Unsicherheit meine ich nun den Unterschied zwischen Zitronen- und Aurorafalter zu kennen. Doch selbst der Aurorafalter, so haben wir es erlebt, verwechselt, baggert eine Zitronenfalterin an. „C’est la vie!“, stellen wir staunend fest. Achtlos schlurft der Herr Insektenfreund an einem Holzstadel vorbei. „Moment! Stopp! Jetzt bin ich dran!“, rufe ich erfreut, als ich nah genug bin, um die schöne Arbeit des Zimmermanns zu erkennen. Sauber ausgeklinkt, wo Holz an Holz stößt, ist die Konstruktion, die Verbindungen mit Holzdübeln gesichert. Die Holzverschalung ist als Haut über das tragende Holzskelett gezogen. Ein einfaches, schnörkelloses Kleid, wie man es vor hundert Jahren eben getragen hat. Die Köpfe der Dachsparren sind hübsch profiliert, um auch dem Nutzgebäude den Glanz des Schönen zu verleihen. Denn, was praktisch, was nützlich ist, darf auch schön sein. So dachte man damals und so denke ich heute. Ein Schmetterling flattert vor die Linse meiner Kamera, umspielt mein Gesicht, kitzelt kurz meine Nase. Mein Niesen holt mich ins Jetzt, zur Schule zurück, diesem „lost Place“. 

Erst wenn ich diesen Terminus technicus als „verlorener Ort“ in meine Sprache übersetze, berührt mich dieser Begriff. Dann gestatte ich einer seltsamen Melancholie Zugriff. Aber es sind nicht die Zeugnisse von Vandalismus mit den hier und da zerstörten Scheiben, beschmierten Glasfassaden und Wänden. Es ist nicht die fortgeschrittene Verwahrlosung an diesem Ort. Es ist die Rückeroberung dieses Platzes durch die Natur, die mich so empfinden lässt: Gräser brechen durch die Fugen des Belages der Terrassenplatten; Rankwerk krallt sich an der Fassade fest; Bäume und Sträucher wachsen ungezügelt in den Höfen. Liegt in der Melancholie auch Trost? Ich lese das vielgestaltige Wachsen, das Gedeihen, das Ranken, das ich sehe, das ruhige Summen, das ich höre und das nervöse Flattern der Falter, das ich entzückt bestaune, als stille Zärtlichkeit. 

Die Schmutz- und Staubschichten geben dem Gebäude einen weichen Schimmer. „Vielleicht ist es Blütenstaub?“, frage ich mich. Meine Gedanken schweifen beim Anblick der samtenen Glashaut ab, zur Schönen. In meiner Erinnerung berühre ich zärtlich ihre Samthaut. Es brummt an meinem Ohr. Diesmal ist es eine dicke Hummel, die mich zurückholt.

Meine Augen gleiten die Fassaden entlang. Der Blick bleibt bei den außen geführten Spannseilen der Konstruktion der Klassentrakte hängen, die auf den Stahlbau dahinter schließen lassen. Sie sind konstruktiv notwendig, allerdings könnte die Konstruktion auch anders gelöst werden. Aber wäre ihr Bild dann so leicht, so schön? 

Genug fotografiert! Ich verstaue die Kamera sorgfältig im Rucksack und drehe noch eine letzte Runde ums Gebäude. Versuche nachzuspüren, wie der Innenraum sich wohl anfühlen mag. Einst, so stelle ich mir das vor, hat die gläserne Membran der Gebäudehülle zwischen lebendigen Gesprächen und munterem Gewusel aber auch konzentrierter Stille im Inneren, buntem Gezwitscher und wildwachsendem Grün im Außen vermittelt, hat das Licht hereingebeten und den Blick hinausgeleitet. Aber wie mag der Raum sich in akustischer und klimatischer Hinsicht angefühlt haben? Überhitzung, angesichts dieser riesigen Glasflächen, wird ein Thema gewesen sein. Die Hitze kann man wegkühlen, kostet halt. Durch die großen schallharten Flächen wird wohl auch der Lärm während des Betriebes ein Thema gewesen sein. Das scheint mir schon schwieriger lösbar, will man die Gestaltungsabsicht nicht völlig untergraben. Ich habe über dieses Gebäude nicht nachgelesen. Ich wollte die Gründe gar nicht wissen, so sich die Schließung überhaupt auf einen Grund, der nicht Vorwand ist, zurückführen ließe. Es scheint so zu sein, dass das Gebäude nicht funktioniert hat, wie es funktionieren sollte. 

Aber was heißt das? Diese Frage ist mir in der Auseinandersetzung mit diesem Gebäude geblieben. Meines Erachtens wird durch die Architektur dieser Schule eine starke Kritik formuliert. Denn, ist es nicht so, dass stets stillschweigend vorausgesetzt wird, dass Menschen, Schüler*innen, ja, letztlich unsere gesamte Umwelt und damit auch die gebaute, zu funktionieren haben. Ganz offensichtlich hat dieses Gebäude das nicht, sonst hätte man es nicht geschlossen. Aber ist es nicht eine traurige Illusion allein darauf zu beharren, dass etwas zu funktionieren habe? Dass unsere Welt – Augenzwinkern: „Eh nur dann, wenn es wirklich um etwas geht!“ – hübsch allein durch wirtschaftliche Kriterien erfassbar sein muss? Ich sehe keinen Grund, außer jenem, dass diese Schule im Betrieb zu teuer geworden sein dürfte, darüber hinaus eine Sanierung unrentabel, weshalb sie geschlossen wurde. Aber wollen wir, dass das Schöne unbedingt rentabel sein muss? Wo ist der Platz für Sperriges? Wo ist Platz für Dinge, die Umwege provozieren, uns einladen neue Blickwinkel einzunehmen? Wäre das vielleicht die Schmetterlingenweld? 

Die Schöne meiner Zärtlichkeit hat sich aus unserer Stille zurückgezogen. Was bleibt sind die Schmetterlinge in meinem Bauch – leider nur in meinem Bauch.

Schmetterlinge, mich bezaubernde, mir so rätselhafte Wesen.