Bist du schon mal in einen riesengroßen Blätterhaufen gesprungen?
Hast du schon einmal die Hände in einem Meer von Eicheln gebadet?
Hast du schon mal gefühlt, wie sich eine Nacktschnecke auf der Unterseite anfühlt? Und auf der Oberseite?
Hast du schon einmal mit der Hand in einem Zug einen ganzen Ast von Blättern befreit?
Hast du dir schon mal so viele Brombeeren in den Mund gesteckt, dass du sie fast nicht mehr beißen konntest und dir der Saft aus den Mundwinkeln geflossen ist?
War der Schnee bei dir schon einmal so hoch, dass es unmöglich war, über ein Feld zu gehen?
Hast du schon Sonne erlebt, die so stark war, dass sie ganz schnell nasse Dinge trocknen kann?
Ist dir der Nebel schon einmal bis ins Knochenmark gekrochen?
Hattest du schon einen Regenwurm in der Hand, der versucht hat, sich zwischen deinen Fingern zu verstecken?
Hast du schon Wind gespürt, der dich scheinbar über die Felder fliegen lässt?
Hast du schon Regen erlebt, der alle konkaven Flächen sofort in Pfützen, Lacken und „Pools“ verwandelt?
Hast du schon Kälte gefühlt, die die ganze Welt in ein glitzerndes Kleid hüllt und alles rutschig macht?
Marise Polatschek-Fries
So vielfältig reich ist unsere Natur! So karg mancher Platz auch scheinen mag, wenn wir genau schauen, lebt und gedeiht so viel auf dieser Erde! Punktuell dürfen wir in die Vielfalt eintauchen und können teilhaben an der Fülle und dem Reichtum, der jedes Jahr in unterschiedlicher Intensität wiederkommt.
Tagein, tagaus sind die Waldfexxxen auf ähnlichen Wegen im Wald unterwegs und hinterlassen so manche Spuren: Trampelpfade entstehen in der Wiese. Wo Lager gebaut werden, ist das Gras plattgedrückt. Blätter oder Moos wird geerntet und mitgenommen. Eine alte Wurzel wird ausgegraben und ein Loch bleibt zurück. Früchte werden geerntet und Kerne in die Luft gespuckt. Neugierige Kinderhände wollen Insekten fangen, erwischen möglicherweise eines und… Ups! Jetzt hat der Käfer ein Bein verloren… Uns Erwachsenen, vor allem uns Eltern, ist es immer wieder unangenehm, wenn Kinder in einer besonders entdeckerischen Phase ausprobieren wollen, ob Käfer auch dann noch weiterkrabbeln, wenn sie mit Schuhsohlen vorbearbeitet werden. „Achtung! Nein! Nicht…Ui! Jetzt ist er tot.“ Die vermeintlich logische Erwachsenensicht auf Entdeckungsprozesse kann für Kinder, die gerade dabei sind, die Welt zu erkunden, ganz schön intensiv sein.
Womöglich ist es das erste Mal, dass Mama oder Papa so eine heftige Reaktion betreffend einem „Ding“ zeigen, wenn ihr Kind diese lustig flitzenden Insekten fangen will. Womöglich haben es Kinder von Eltern, die sich oft lieber den Erwachsenenthemen widmen anstatt mit ihnen auf Erkundungstour zu gehen, auch sehr schnell durchschaut, dass man so die Aufmerksamkeit von Eltern ganz schnell zu sich (dem Kind) bringen kann und womöglich probieren sie es nun öfters…
Doch: Wie ist es nun mit den Tieren und Pflanzen? Wir groß dürfen Spuren sein, die wir hinterlassen? Ist es ok, wenn ein Insekt ein entdeckerisches Spiel nicht überlebt? Niemand von uns ist frei von Moral und natürlich ist es wichtig, Kinder nicht nach Lust und Laune mit Tieren spielen zu lassen, wenn es auf Kosten von anderen Lebewesen geht. Umso wichtiger ist es aber, dass Kinder Erfahrungen machen dürfen! Ein verletzt gefundener Käfer, der untersucht werden darf, bringt Kinder wesentlich näher an das Tier, die Natur und auch an die Empathie für das verletzte Lebewesen! Erst jetzt, wo das Kind den Käfer „kennt“, kann es sich mit seinem Lebensraum und den dazugehörigen Bedürfnissen beschäftigen. Nachdem die Verbindung vom Kind zu dem Käfer stattgefunden hat, also ein echter Kontakt besteht, ist das Kind bereit, sich für den Käfer und seinen Lebensraum einzusetzen. Im Waldkindergarten erfahren Kinder jeden Tag neue Begebenheiten, wo sie Tiere und Pflanzen kennenlernen und ihnen dann auch wohlwollend gegenüberstehen.
Will nicht heißen, dass Kinder, die schon einmal mit einem Käfer gespielt haben, nie wieder bewusst auf einen drauftreten werden. Kinder werden es immer wieder ausprobieren, was passiert, wenn sie ein Insekt zertreten. Unser Lernen dauert ja doch unser ganzes Leben lang und so manches muss eben öfters erfahren werden. Dennoch vertrete ich die These, dass Kinder, die schon früh Verbindung zu anderen Lebewesen aufbauen dürfen, später mehr Empathie für ihre Umwelt haben.
Es ist nicht immer einfach zuzuschauen, wie kleine, womöglich noch etwas unbeholfene Hände ein Zuhause für Raupen bauen, das den aktuellen Raupen mehr schadet als nutzt, weil zwei oder drei der zehn beherbergten Raupen dann nicht mehr weiterkrabbeln. Was bedeutet es aber, wenn Kinder dies nicht tun dürfen? Was, wenn größere Kinder/Jugendliche/Erwachsene noch nie eine Raupe in der Hand hatten und nicht wissen, wie filigran und doch robust so ein Geschöpf ist? Im Mai, wenn der Höhepunkt der Raupensaison im Wald erreicht ist und sich gefühlt von jedem zweiten Blatt ein kleiner grüner „Wurm“ abseilt, weiß ich: Die Vögel haben gerade genug zu essen, den Bäumen tut es gut, wenn die Raupen weniger werden, und der Bereich, der von den Kindern erreicht werden kann, ist in Relation zum ganzen Wald so minimal, dass es, in Hinblick auf die Empathie-These, sehr wertvoll ist, in die Fülle der Natur einzutauchen und sie zu erfahren und zu begreifen!
Wenn nach ein paar Wochen Sommerferien die Wege und Spuren, die im Laufe des Kindergartenjahres entstanden sind, unter neu gewachsenen Pflanzen verschwinden, die Natur sich ihren Raum in einer sagenhaften Geschwindigkeit zurückerobert, bin ich sicher: Kinder dürfen voll und ganz in den Wald eintauchen!
Kinder bedienen keine motorisierten Maschinen, fahren keine bedrohlichen Fahrzeuge, asphaltieren keinen Boden zu und betonieren auch keine Wände in den Wald. Auch Harvester und Motorsäge kennen wir im Kindergarten nur vom Sehen. Immer wieder hören Waldfexxxen von Erwachsenen aus der (Ur-)Großelterngeneration, dass sie im Wald leise sein müssen und sich ruhig verhalten sollen, weil sie sonst die Tiere stören. Doch wie ist es, wenn viele Kinder regelmäßig über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren im selben Waldgebiet unterwegs sind?
Die Fauna zeigt uns, dass wir willkommen sind! Wie lange hat uns die große, alte Äskulapnatter schon beobachtet, bevor sie das erste Mal zum Brunnen kommt, um zu trinken, obwohl die Kinder da gerade spielen? Immer wieder lässt sie sich bestaunen und berühren und macht den Schein, dass sie diese Aufmerksamkeit auch genießt, da sie immer wieder zurückkehrt.
Ein Miteinander-vertraut-Werden, wie es Antoine de Saint-Exupéry in seiner Geschichte vom Kleinen Prinzen und dem Fuchs absolut auf den Punkt gebracht hat, dürfen wir im Waldkindergarten immer wieder erleben. Fledermäuse sind im Tipi eingezogen, Hornissen lassen sich den Saft der Eiche auf Augenhöhe der Kinder schmecken, Eidechsen legen ihre Eier in den Erdhügel, der bespielt wird, und die Eule wohnt so offensichtlich in der alten, hohlen Buche, dass sie sich an speziellen Tagen auch mal zeigt.
Die Vielfalt an Wahrnehmungen, Entdeckungen und Begegnungen, der Reichtum der Natur, der sich jedes Jahr in neuer Fülle zeigt, lässt mich unendlich dankbar werden. Dankbar für alles, was wächst und gedeiht, mal in Fülle, mal in Mangel, aber immer wiederkehrend und wohlwollend für uns da. Wie schön es ist, Jahreszeiten fühlen zu dürfen und einzutauchen in diese unendliche Welt!

