Thanksgiving, freigeist, Winter 2025

Thanksgiving

Nachdem meine Oma gestorben war, wählte ihr jüngster Sohn, also mein Onkel, ein Klavierstück von George Winston für die Verabschiedung, Titel: Thanksgiving. Ich weiß nicht, wem der Komponist dieses Stück gewidmet hat, aber es war gut gewählt von meinem Onkel. Denn es bewirkte damals bei mir genau das, was es ankündigt: Dankbarkeit zu empfinden. 

Jost-Alexander Binder

Ich weiß nicht, wie´s bei Dir war – unser Weihnachtsbaum war wieder reichlich unterlegt. Und das, obwohl wir seit Jahren immer wieder familienweit zum allgemeinen „Packerl-Degrowth“ aufrufen. Und immer stößt diese Bitte auch auf vollstes Verständnis und allseits auf Zustimmung – um dann erst recht wieder in einem Tsunami von „eh nur kleinen Aufmerksamkeiten“ zu enden. Gut, nach dem Weihnachtsfest ist vor Silvester. Für gute Vorsätze scheint der Advent also die denkbar ungeeignetste Zeit – allein die kulinarischen Traditionen sprechen dagegen. Und die scheinbar kaum vermeidbare  Hektik der „stillen Zeit“ strahlt in ihrer Widersprüchlichkeit nunmal auch auf den Heiligen Abend aus. 

Was bleibt, ist ein Haufen Geschenkspapier. Immer. Obwohl auch hier seit Jahren familienweit innovative Fortschritte erwogen werden. Trotzdem. Ins Weihnachtsgeschenkspapiergeschäft einzusteigen muss noch zu den wenigen todsicheren Tipps dieser volatilen Wirtschaftslage zählen. Doch Immerhin: Unser Geschenkefest artet mittlerweile nicht (mehr) in ein völlig enthemmtes Konsumdesaster aus. Man beschenkt sich bescheidener, zumindest die Erwachsenen; indes immer noch jenseits aller Abmachungen. Wieso diese Disziplinlosigkeit? Am Geldsegen kanns nicht liegen. Der stellt sich, gerade gegen Jahresende, selten wo ein. Warum also schenken wir so gerne? Jetzt mal  ganz unverbindlich: Was hat sich auch beim vergangenen Weihnachtsfest besser angefühlt? Zu sehen, wie sich jemand über Dein Geschenk freut und… bedankt? Oder die Freude über ein Geschenk und… das sich bedanken? Kann beides der Fall sein. Kommt wahrscheinlich auf die Geschenke an, besser gesagt, die Idee dahinter. Aber die Erwartungshaltung ist doch immer die gleiche: Wenn das Schenken nicht zur völlig unpersönlichen Pflichtübung absackt, hofft man doch darauf, bei der beschenkten Person Freude zu bewirken. Umgekehrt wird es genauso sein. Selbstverständlich bedankt man sich auch. Aus Höflichkeit und – je nachdem – sicher auch für eine gelungene Überraschung, besondere Großzügigkeit etc. Aber der Dankbarkeit willen beschenken wir uns nicht. 

Rousseau nennt Dankbarkeit „eine Pflicht, die erfüllt werden sollte, die aber zu erwarten keiner das Recht hat.“ Halten wir also fest: Man darf Dank erwarten, aber nicht einfordern. 

Die Fülle der Schlichtheit.

Feierlich, aber ganz und gar bescheiden, verliefen die Weihnachtsfeste bei meinen Großeltern, als diese noch lebten. Da sie nicht in meiner Heimatstadt wohnten, besuchten wir sie meistens erst am Christtag, also dem eigentlichen Feiertag, oder sogar erst später. Geschenke gab es natürlich auch, aber alles hielt sich in sehr übersichtlichen Grenzen. Es waren meine liebsten Feste als Kind: Es gab nämlich immer so gutes Essen und der Weihnachtsbaum war besonders üppig geschmückt. Außerdem waren meist besonders viele Kinder und Mitglieder der Familie zugegen oder zumindest in den Tagen rund um Weihnachten mal zu Besuch. Die kleine Haushälfte meiner Großeltern mütterlicherseits war nicht nur im Advent ein beliebter Ort – dort traf sich Familie und Nachbarschaft ganz ungezwungen zu Kaffee und Kuchen oder einfach zum kurzen Plausch über irgendwelche Neuigkeiten oder Belanglosigkeiten, mal am Küchentisch, mal zwischen Tür und Angel oder über den Zaun. Immer, wenn ich als Kind Zeit bei meinen Großeltern verbringen durfte, war das für mich wie Abenteuer. Sie sind für mich noch heute der Inbegriff einer glücklichen, weil sorglosen Kindheit. Und dazu mussten sie gar nicht viel beitragen – sie waren einfach da. Meine Oma für Haus und Garten, mein Opa für Hof und Garage. Und beide für uns Kinder. Wenn ich mit meinem etwa gleichaltrigen Onkel auf dem Garagendach ein „Lager“ gebaut habe, hat mein Opa geflucht, auf dass wir ihm das Blechdach nicht ruinieren und meine Oma hat uns jedesmal ermahnt aufzupassen, wenn wir unser „Lager“ über einen Apfelbaum kletternd zu erklimmen pflegten. Niemals aber haben sie unsere kindliche Neugier, unsere Abenteuerlust, den gelegentlichen Übermut oder unseren Bedarf nach ungestörtem Spiel je beschränkt, gestört oder gar verboten. Außer etwas war wirklich gefährlich, was wir als Kinder nicht ermessen konnten. Besonders wohlhabend waren meine Großeltern nicht. Geerbt hatten sie beide nichts; alles was sie hatten, haben sie buchstäblich mit den eigenen Händen erarbeitet und erbaut. Als Handwerker, Schichtarbeiter und Hausfrau. „Nie ist zu wenig, was genügt“, sagt Seneca. Vermutlich hätten sie sich durchaus etwas mehr materiellen …Spielraum gewünscht. Nun, wer nicht? Uns Kindern hat es genügt. Mit ihren bescheidenen Mitteln haben meine Großeltern mir und vielen anderen Kindern eine mehr als reichhaltige Kindheit geboten. Welcher Begriff hätte das, was ich meinen Großeltern gegenüber empfand, also besser auf den Punkt bringen können als Dankbarkeit. 

Auf einer Marmortafel in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung, wo ich einst zeitweise als Zivildiener eingesetzt war, stieß ich mal auf die Kurzfassung eines vielzitierten Rosegger-Gedichtes, die da lautete „Ein bisschen mehr Frieden und weniger Streit, ein bisschen mehr Güte und weniger Neid; und viel mehr Blumen während des Lebens, denn auf den Gräbern sind sie vergebens.“ Ich habe meiner Oma immer Blumen mitgebracht, wenn ich sie später gelegentlich besucht habe, weil ich wusste, dass ihr das Freude bereitete. Ich bin mir selbst dankbar, dass ich hier aufmerksam genug war. „In jede hohe Freude mischt sich eine Empfindung der Dankbarkeit“, befindet Marie Ebner-Eschenbach. Eben.

Fahren und Kochen.

Es scheint fast, als müsse man tatsächlich auch für so manche Aphorismen dankbar sein! Man kann einen Text so vorzüglich damit ausschmücken. Vor allem aber können manche von ihnen auch weitverzweigte Gedankenflüsse provozieren – wenn man sich die Zeit nimmt, ihren Sinn zu ergründen; nicht im Elfenbeinturm, sondern im ganz gewöhnlichen Alltag. Aber wo im Alltag findet man diese Zeit? Irgendwann im Laufe des Erwachsenwerdens beginnt sie einem davonzulaufen. Zuerst nur manchmal… Und wenn man die Zeit dann findet, darf man sie schon wieder großzügig schenken…

Ein Lernwerkstatt-Papa erklärte einmal auf die Frage, wie er denn seine Eltern als ca. 12-jähriger wahrgenommen habe, trocken: „Für mich waren meine Eltern damals eigentlich hauptsächlich Köche und Fahrer.“ Er sagte das als wäre es das Normalste auf der Welt. Und ich fragte mich: Ist es das nicht auch? Das war es, was er in dieser Phase seiner frühen Jugend brauchte. Noch kurz davor brauchen unsere Menschenjungen die Geborgenheit der elterlichen Umarmung, das Kuscheln, das Nest. Und dann – fast plötzlich – eben nicht mehr. Später dann oft wieder. Dazwischen aber entzündet sich eine „neuartige“ Sehnsucht nach körperlicher und seelischer Verbundenheit einer ganz anderen Dimension – verständlich, dass das die Hirnchemie der jungen Menschen und auch jene ihrer Schutzbefohlenen für eine unbestimmte Dauer (irgendwo im Alter zwischen ca. 10 und ca. 20) heftig irritiert. Aber ich erinnere mich gut daran, dass auch meine Mutter mich stets überall hingebracht hat, wenn es für das Fahrrad zu weit war und es keine öffentlichen Verkehrsmittel gab. Oder wenn es sehr spät wurde. Dieser Taxidienst war für mich selbstverständlich. Aber nicht aus Prinzip, sondern weil ich wusste, dass er auch für meine Mama selbstverständlich war. Weil sie es so wollte. Und heute bin ich es, der nichts dabei findet, die Kinder zu chauffieren und zu bekochen, wann immer sie es brauchen. Sie fordern es nie ein, aber sie danken es immer. 

Aus dem Vollen schöpfen.

Eine interessante Perspektive auf das Thema hat Dietrich Bonhoeffer: „In der Dankbarkeit gewinne ich das rechte Verhältnis zu meiner Vergangenheit.“ Denn, so Bonhoeffer, ohne Dankbarkeit versinke die Vergangenheit ins Dunkle, ins Rätselhafte, ja, ins Nichts. Das klingt plausibel: Er verweist damit auf die (schönen) Erinnerungen an prägende Ereignisse, die unsere Dankbarkeit verdienen. Und… feiern wir nicht die allermeisten Feste aus diesem Grund? Um irgendeine Dankbarkeit auszudrücken? Geburtstage zum Beispiel: Was feiern wir da anderes, als dass wir dankbar sind für unser Dasein oder das eines anderen Menschen? Wem danken wir, wenn nicht unseren Eltern, dass sie sich für einander und für uns entschieden haben? Der Vorsehung, dass sie es gut mit uns meinte? Den Gästen, dass sie gekommen sind? Es sind der Möglichkeiten viele! Und längst nicht allen Anlässen für Dankbarkeit werden Festlichkeiten gewidmet. Wenn ich es mir recht überlege, dann bietet der vermeintlich unspektakuläre Alltag, jenseits der Feste, unzählige Anlässe, für deren Eintreten man dankbar sein darf: der rechtzeitige Blick in den toten Winkel auf der Autobahn, die zufällige Begegnung mit einem vertrauten Menschen, den man längst einmal wieder treffen wollte; oder eine mit einer gänzlich unbekannten Person und sei es nur ein freundlicher Wortwechsel in einem Moment der Bedrücktheit. Ein unverhofft wieder aufgetauchter Gegenstand von persönlicher Bedeutung, den man verloren geglaubt hat, das Buch, das die eigene Phantasie mit auf Reisen nimmt, das Lied, dass uns Trost oder Mut verheißt, die offenen Worte zu einem heiklen Thema, der Straßenkünstler, der uns im Hasten zwischen zwei Terminen innehalten lässt …

Und dann gibt es noch diese irgendwie abstrakte Form der Dankbarkeit. Sie richtet sich an Menschen, die gar nie erfahren, dass man ihnen dankbar ist, aber wahrscheinlich trotzdem irgendwie wissen, dass ihnen der Dank, der ihnen gebührt, eine Wirkung entfaltet. Zum Beispiel weil sie uns mit ihrer schönen Musik beglücken, ihren Gedichten oder Geschichten oder einer uns sonst bewegenden oder inspirierenden Kunst. Sie gehen mit ihren Werken sozusagen in Vorlage. Sie schenken in der Hoffnung, Freude zu bereiten: „Hope in action!“ Ihre Werke sind vielleicht oft „nur“ aus einem eigenem Bedürfnis heraus entstanden. Freilich auch oft mit der Idee, eine Botschaft zu verpacken, mitunter auch eine zum Verkauf bestimmte. Dennoch bleibt der Kreis der Adressaten den Erschaffern solcher Werke oft verborgen, ebenso wie deren Meinungen dazu und ihre Gefühle, inklusive jenem der Dankbarkeit, das dabei vielleicht entsteht. Jedes gute Buch, jeder gute Film, jedes schöne Bild und jedes gute Lied kann Anlass dazu geben. Wer kauft sich schon ein Bild, hängt es zuhause auf, stellt sich davor und macht die Rechnung: Dafür habe ich so-und-so-viel gezahlt, also muss es mir so-und-so-gut gefallen?

„…und ich liebe Umarmungen“
(Olaf der Schneemann)

Auch immaterielle Leistungen, das Wirken und Wesen von Menschen kann Anlass für unsere Dankbarkeit sein. Ludwig Huber, Professor für Verhaltensbiologie an der Vetmeduni Wien, hat anlässlich der Matinee „In Memoriam Jane Goodall“ das weltweit wahrscheinlich bekannteste Kürzel (nach S.O.S.), nämlich www. im Hinblick auf Goodalls Wirken geistreich uminterpretiert: Worte – Werte – Werke… und ein viertes „W“: ihr Wesen. Das habe sie ausgemacht. Und diese Kombination mündet letztlich auch in unser Wirken. Und nur das zählt! „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ (Erich Kästner). Danach haben sich die über 500 Gäste der Veranstaltung umarmt. Warum auch nicht? Warum nicht seine Zuneigung einem Menschen gegenüber zum Ausdruck bringen, der gerade aus demselben Grund vorort ist, wie man selbst: einer großartigen Frau zu gedenken, die auch selbst gerne umarmt hat: Menschen, darunter viele der Mächtigsten der Welt, Menschenaffen, Freunde, Kinder und mit ihrem unermüdlichen Engagement für Mutter Natur: die ganze Welt. 

Eine „Umarmung“ ganz anderer Art nahm eine weitere Frau von beeindruckendem seelischen Format vor: Eva Mozes Kor, Holocaust-Überlebende und, zusammen mit ihrer Zwillingsschwester, menschliches Versuchsobjekt des wahnsinnigen Dr. Mengele in Auschwitz. „Heilung“, so lautet ein Teilzitat der amerikanischen Psychologin Jeanne Achterberg, „das ist die Umarmung dessen, was man am meisten fürchtet.“ Was Menschen Kraft ihrer Überzeugung, ihrer Beharrlichkeit, ihres Lebens- und Liebeswillens alles zu vollbringen imstande sind, ist manchmal schlicht überwältigend. In nüchterner Klarheit beschreibt Mozes Kor ihre Zeit im Konzentrationslager und die entwürdigenden und einfach nicht vorstellbaren Grausamkeiten, die ihr widerfahren sind. Und dann das: 50 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gibt sie ihrem schon lange nagenden Bedürfnis zu vergeben endlich nach. Dazu suchte sie die Begegnung mit dem (einst überraschenderweise freigesprochenen) Mengele-Gehilfen und Lagerarzt Dr. Münch. Es lag ihr sehr daran, ihr Bedürfnis nach Vergebung persönlich zu adressieren – und es gelang. Indirekt vergab sie damit auch dem längst toten Mengele. Und empfand es als erlösend. Vielfach ist es Menschen schwergefallen, diese Gnade nachzuvollziehen. In ihrem Buch „Die Macht des Vergebens“ schildert sie ausführlich ihre Intention: Ihr ging es nicht darum, eben mal „ein bisschen zu vergeben“, quasi symbolisch. Es ging darum, „wieder die Macht über das eigene Leben zu erlangen; sodass das Vorgefallene nicht Ihren Tag ruiniert.“ An anderer Stelle deutlicher: „Jeder Tag, den Sie ihrer Wut widmen, ist ein weiterer Tag, an dem Ihr Peiniger Sie kontrolliert. […] Vergeben Sie, es wird Sie heilen!“ Der Titel des Buches ist sehr sorgfältig gewählt! Ein Buch voller Weisheit, sehr lesenswert!

Wie kann man das schaffen? Diesen kaum vorstellbaren Kraftakt der Seele. Auch u.a. Viktor Frankl und Arno Gruen haben sich eingehend mit diesem Phänomen beschäftigt. Mit dem dumpfen Hass der Neonazis unserer Tage konfrontiert befand Eva Mozes Kor: „Alles was Neonazis noch schemenhaft wahrnehmen ist der Schmerz, der von jemandem anderen verursacht wurde. […] Sie vergeuden ihr Leben für Hass. […] Diese Menschen sind nicht psychisch krank, sie wurden lediglich darin unterrichtet zu hassen.“ Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen! Konstantin Wecker wurde einmal von einer ostdeutschen Stadt eingeladen, in den Dialog mit einem Jugendzentrum zu treten, das für seine rechtsradikalen Jugendlichen bekannt war. Er besuchte das Jugendzentrum zusammen mit zwei schwarzafrikanischen Chor-Musikern, die gerade bei ihm zu Besuch waren. Die erklärten Neonazis benahmen sich erwartungsgemäß herablassend, vor allem den beiden Afrikanern gegenüber. Wecker fragte, ob einer der Jugendlichen denn einmal einen der Afrikaner umarmen möchte – und erntete abschätzige Bemerkungen und dass das sicher keiner hier jemals täte. Schließlich, so ätzte einer, „würde auch er keinen von ihnen in den Arm nehmen.“ Lautes Gelächter. Daraufhin ging Wecker spontan auf diesen Jungen zu und umarmte ihn liebevoll. Es zeigte Wirkung. Kein Lachen, Grölen oder Sprüche klopfen. Stille. Danach aber sagte der Neonazi zu Wecker, dass das noch nie in seinem ganzen Leben jemand getan habe. Konstantin Wecker würde diesen Moment nie vergessen.

Auch für solche Geschichten, Berichte und Ereignisse, im besten Fall: Erlebnisse! darf man dankbar sein. Es kommt einem die „Ganslhaut“ vor Ergriffenheit. Dieses Gefühl gibt Kraft. Und diese Kraft werden wir brauchen, wenn wir wieder Halt finden wollen in einer Welt, in der diese machtvollen emotionalen Prozesse ob ihrer angeblich mangelnden ökonomischen Relevanz als überflüssig oder (fälschlicherweise) als Schwäche abgetan werden. Halt, nicht im Sinne von Stopp, sondern im Sinne von (einander) Halten. Oder eben: Umarmen. “Arms are for hugging, not for fighting”, wurde auch Jane Goodall nicht müde immer wieder zu betonen.

Wem danken?

Es geht aber sogar noch abstrakter: dann nämlich, wenn wir Dankbarkeit empfinden, ohne dass uns klar ist, wem genau wir eigentlich danken. So geht es mir zu Beispiel, wenn mich ein Naturschauspiel beeindruckt. Und das muss keineswegs ein seltener Komet oder eine Sonnenfinsternis sein. Es „genügt“ ein mangofarbener Vollmond, die Farbenpracht einer Blumenwiese, der kühle Duft der herbstlichen Mischwälder, die Stille im Nebel…  oder was immer einem Menschen eben eine besondere naturgeschaffene Freude bereitet. Fragen wir uns in dem Moment, wem wir (dafür) danken? Vielleicht nicht, denn die Antwort könnte unscharf ausfallen. Vielleicht ist das (uns unbekannte) Ziel unseres Dankes in solchen Fällen sogar viel realer und empfänglicher als wir es ahnen… was wissen wir schon?

Abschließend drängt sich bei mir aber nun doch noch der Wunsch auf, meinen Dank darüber auszudrücken, dass ich während meines bisherigen Lebens keinen Krieg und keine extreme Not oder Armut erleben musste; und dass auch meine Eltern davon verschont blieben. Ich weiß auch hier nicht, wem genau ich dafür dankbar sein soll. Manche würden es vielleicht der Fügung danken, andere einem Gott, dem Zufall oder dem Schicksal. Man könnte es natürlich auch auf eine besonders weitsichtige und verantwortungsvolle Politik der Nachkriegszeit zurückführen, aber da bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn eine vollständige Abwesenheit von Krieg war dem Erdball leider zu keiner Zeit je gegönnt. Und dass der Wohlstand der westlichen Nachkriegs-Welt zu einem sehr hohen Prozentsatz auf Kosten und zu Lasten jener Weltgegenden erbeutet und erzwungen wurde, die uns teilweise nun mit Menschen fluten, die zurecht einen gewissen Anspruch auf diesen Wohlstand erheben, kann auch schon lange niemand mehr ernsthaft abstreiten. Andererseits kann es doch nicht immer wieder der unsäglichen Leidenserfahrungen von Kriegen bedürfen, um die politisch Verantwortlichen global weitsichtig, regional vernünftig und radikal friedenstüchtig agieren zu lassen?! „Nie wieder Krieg“ (Käthe Kollwitz) oder „Die Waffen nieder“ (Bertha v. Suttner) muss sich doch zu jeder beliebigen Zeit als erstrebenswert anfühlen!? Wahrscheinlich tut es das auch. Bei den allermeisten.

Cicero nennt die Dankbarkeit gar die größte, die Mutter aller Tugenden. Das ist eine gewaltige Zuschreibung. Umso mehr versuche ich mich gerne darin zu üben, wenn ich damit Menschen ermutigen kann, sich für Frieden und den vernünftigen, humanistischen Umgang miteinander einzusetzen. Wir hatten seit 80 Jahren keinen Krieg in unserem Land. Wir wissen also, dass das geht und wie das geht. Investieren wir nicht länger in Waffen, deren Zweck sich nur allzu leichtfertig von der Abschreckung zum Schrecken umrüsten lässt. Exportieren wir lieber unsere Kompetenz, friedlich zusammen zu leben. Dafür wäre ich gerne (weiterhin) dankbar. Und vielleicht ist dabei auch gar nicht so wichtig, zu wissen, wem man dankt. Vielleicht ist das Gefühl der Dankbarkeit selbst schon ausreichend, um zu (be)wirken.